Wir verhungern vor vollen Tellern

26. April 2012

Die Hopi als ein Volk amerikanischer Ureinwohner haben in einer Prophezeiung geschrieben „sie werden vor vollen Tellern sitzen und trotzdem verhungern“. Für diese Aussage fallen mir wenigstens drei Interpretationen ein, die unmittelbar mit unserer Gesellschaft zusammen hängen.

Die Masse der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland lebt mit einem regelmäßigen Einkommen und kommt damit monatlich gut bis sehr gut über die Runden. Der Konsum in unserem Land hat ein enormes Ausmaß erreicht, wir leben in einer Überflussgesellschaft. Das Angebot ist ungeheuerlich und die Nachfrage nicht wesentlich geringer. Da wir uns in einem ständig suggerierten geglaubten Mangel im Haben befinden, versuchen wir diesen durch Konsumtion zu decken. Krisen in unserem Land haben einen marginalen Einfluss auf die Konsumtion, da sie genauer betrachtet herbei geredet werden und wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken.

Zu den Hopi zurück, so ist unsere Konsumtion tatsächlich mit den vollen Tellern zu vergleichen. Weshalb werden wir aber trotzdem verhungern? Es ist nicht zu leugnen, dass die gesellschaftliche Kälte immer weiter zunimmt. Wir leben in einer Neidgesellschaft, in der jeder Mensch das haben will, was der andere auch hat, wenn nicht, sogar noch mehr oder noch besser haben will. Die Menschen ziehen sich in ihre Behausungen zurück und leben allein für sich. Die technischen Mittel dafür liefert wiederum der übervolle Markt. Wir verlernen es, mit einander von Angesicht zu kommunizieren, verlernen es uns in die Augen zu sehen und authentisch zu sein. Der Umgang der Menschen verroht und wird stumpfsinnig. Das Wissen der Menschen über den Menschen und erst recht über sich selbst, ganz persönlich entwickelt sich zu einem Null-Punkt hin. Es ist ein persönliches Desinteresse an der eigenen Persönlichkeit zu verzeichnen.

Die Menschheit wird nicht durch den Klimawandel auf der Erde zu Grunde gehen, sie wird vorher an der emotionalen Kälte der Gesellschaft erfroren sein. Und so werden wir mit den vollen Tellern verhungern.

Eine zweite Interpretation ist unsere Ernährung. Unsere Teller sind voll, wenn wir die Supermärkte als Sinnbild des Tellers nehmen wollen. Es wird soviel angeboten, dass bereits in den Märkten Unmengen wegen Überlagerung weggeworfen werden muss. In den Haushalten geht es dann weiter. Die Vorratspackungen werden immer größer, um mehr zu verkaufen und damit mehr wegzuwerfen, alles unter dem „Argument“,  das größere Packungen billiger werden. Letztlich geht es um Maßlosigkeit in der Konsumtion von Lebensmitteln – schauen wir uns um, so ist Bewegungsarmut (körperlich und auch geistig) eine Folge davon. Machen wir uns die Mühe, uns mit den Inhalten der Produkte zu befassen, so können wir feststellen, dass sie uns vielfach nicht mehr ernähren im Sinne von Nahrungsmitteln, sondern einfach nur noch am Leben halten im Sinne von Lebensmitteln. Sie strotzen vor chemischen Geschmacksstoffen und –verstärkern und den Mitteln um sie länger haltbar zu machen. Durch die angebotenen Massen werden auch normale Reife- und Wachstumsprozesse für pflanzliche und tierische Produkte beschleunigt, was wiederum nur durch Massenproduktion und –tierhaltung möglich ist. Böden werden ausgelaugt und chemisch aufgepeppt. Mineralische Inhaltsstoffe von Äpfeln haben z. B. innerhalb der letzten 40 Jahre um 50 % abgenommen. So ist es bei vielen anderen Obst- und Gemüsesorten ähnlich. Von der Tiermast mit dem Zusatz von Antibiotika ganz zu schweigen.

Also auch bei der Nahrung sind unsere Teller voll, aber die Nahrung selber ist inhaltlich einfach leer.

Eine dritte Interpretation ist unsere gewaltige, auf Export ausgerichtete Wirtschaft und vor allem jene Menschen, die als Produktivkräfte tätig sind. Hier haben wir eine Führungs“qualität“ entwickelt, die ebenfalls aus einem Mangeldenken resultiert. Wie bei der Frage, was denn zuerst da war, das Ei oder die Henne ist es hier auch mit der Ursachensuche. Grundlegend ist allerdings festzustellen, dass die komplette Erziehungs-, Lehr- und letztlich auch Führungsarbeit auf der Basis von gesuchten und gefundenen persönlich-menschlichen Schwächen praktiziert wird. Ob das, was wir erleben, auch mit funktionieren zu bezeichnen ist, möchte ich nicht interpretieren.

Die gesamte Arbeit am Menschen sowohl durch andere Personen, als auch durch einen selbst basiert auf dem Mangel an Stärken. So haben wir aus dem bereits aus dem Kleinkindalter vermittelten Gefühl von Unvollständigkeit und Schwäche u. a. einen Mangel an Selbstbewusstsein und –sicherheit und damit auch kommunikativen Fähigkeiten und Fertigkeiten.  Selbst das Verhalten von Führungskräften baut auf Mangel auf, da Führungsstile eben aus einem Selbst- und Fremdverständnis resultieren und ein Spiegel für Selbst- und Fremdreflektion sind. Wir verstehen es nicht, an Stärken anzuknüpfen, vorhandenes Personal zu qualifizieren, das nationale Potential zu erschließen und auszuschöpfen. Wir jammern lieber über zu wenig geeignetes Personal.

Der volle Teller ist das enorme Potential der deutschen Wirtschaft und der riesige Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Das wir ausreichend eigene Arbeitskräfte haben, die allerdings noch qualifiziert werden müssen, das ignorieren wir. Wir nehmen lieber den Adel nach holländischer Art „van den anderen“ frei nach Machiavelli „was kann einem Herren besseres geschehen, als das er von anderen qualifizierte Arbeitskräfte bekommt“. Verhungern werden wir, weil wir die qualifizierten Arbeitskräfte aus anderen Ländern holen, bzw. weil Geiz einfach geil ist und die Produktion auslagern. Über Auslagerung machen wir andere „Länder“ schlau, über die GreenCard verfallen bei uns Potentiale, die der Staat versorgen muss. Letztlich lässt es der Staat mit seinen Geldern zu, dass Teile aus dem eigenen Volk, weil sie als schwach und mangelhaft abgestempelt werden, bei vollem Teller verhungern, wenn auch nicht körperlich, so doch geistig und emotional.

Ein weiteres Beispiel ist unsere Politik im Bezug auf Rohstoffe und die damit verbundene Preispolitik. Seit über 30 Jahren wird uns in allen möglichen Farben vermittelt, dass z. B. Erdöl knapp wird, bzw. ein Ende absehbar ist. Offizielle Tabellen des Systemanalytikers Dennis Meadows haben schon 1972 „verdeutlicht“,  dass Erdöl, in der damaligen Menge gefördert, im Jahr 2001 erschöpft ist, mit einer expotentiellen Steigerung  und bei fünffachen Vorräten, wie 1970 bekannte, im Jahr 2020 nicht mehr vorhanden ist. Nach diesen Vorstellungen dürfte es Gold in der Natur bereits seit 9 Jahren nicht mehr geben.  Die Industrie schöpft heute noch immer aus dem Vollen und manipuliert uns mit dem Ende der Vorräte und damit einem ständigen Preisanstieg zum Maximierung der Profite. Mit einer so vorgenommenen künstlich herbei geredeten Verknappung von Rohstoffen werden Preise und Menschen manipuliert. Wir wissen, dass bei einem sinnvollen Umgang mit den Ressourcen für alle Menschen dieser Welt genug vorhanden ist, aber die Politik als Interessenvertreter der Industrie lässt es gemeinsam mit dieser zu, dass Menschen zu hunderttausenden auch körperlich verhungern.

Ein letzter Aspekt: Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich Wissenschaft und Technik schneller entwickelt, als in den vielen Jahrhunderten zuvor. Vor allem seit der Mitte der 60er, Anfang der 70er Jahre können wir von eine exorbitanten Steigerung sprechen. Das Wissen der Menschheit verdoppelt sich heute in immer kürzeren Abständen. Alle dieser Fortschritt konzentriert sich allerdings vordergründig  auf den technischen Bereich, alles das, was man unter der Abkürzung IQ und dem Begriff akademisches Wissen zusammen fassen kann. Schauen wir im Vergleich dazu an, wie sich die Kenntnisse über den Menschen als solches, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten  entwickelt haben, so hinken wir hier weit hinterher, wahrscheinlich in einer Relation von 90 zu 10 zu Gunsten der Technik. Schauen wir dann noch nach, wie groß das persönliche Interesse der Menschen daran ist, etwas über sich persönlich in Erfahrung zu bringen, z. B. der Frage nach dem Sinn des Lebens, die Rolle der Botenstoffe in unserem Körper, die Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit oder eine ausgewogene Ernährung, den ganzheitlichen Prozess von Lernen oder was Lernen überhaupt bedeute, so sehen wir uns hier in einem Dilemma von bestimmt nur noch 1 – 3 % im Verhältnis zu den überwiegenden ca. 97 % zu dem rein technischen Wissen. Das ist offensichtlich auch dem Umstand geschuldet, das der Mensch in weiten Breiten unserer Gesellschaft noch immer als biologische Maschine betrachtet wird, bei der man auch mal schnell ein Teil wechseln kann.

Auch hier sitzen wir wieder vor den vollen Tellern der wissenschaftlich-technischen Errungenschaften und Erkenntnisse und  werden geistig und persönlich-menschlich verhungern.

Lernst Du schon oder paukst Du noch?

2. April 2012

Immer wieder beschäftigt mich das Thema „Lernen“ und so lerne ich bei der Vermittlung dieses Themas auch immer wieder dazu.

Wenn Kinder anfangen zu lernen, lernen sie mit allen Sinnen, also Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen. Stell Dir vor, das Kind betrachtet auf eine  Wiese eine Blume:

  • es sieht die Schönheit der Gestalt und die bunten Farben,
  • es nimmt die Geräusche um die Blume herum wahr, die durch die Insekten entstehen,
  • es riecht den Duft der Blume und verbindet diesen mit einer geschmacklichen Erfahrung und
  • letztlich berührt es den Stiel, die Blüte, die Blätter

und verbindet das alles in seinem Kopf mit dem Objekt „Blume“. Auf diese natürliche Weise werden über einen Zeitraum der kindlichen Entwicklung alle Dinge geistig erobert. Mit der Blume wird eine Wiese oder ein Feld verbunden, die Wärme der Sonne, die Insekten auf und um die Blume herum, die Schönheit der Natur. Auf diese Weise der Wissensaneignung entstehen unbewusst die Assoziationen, über die dann weiteres Wissen bewusst oder unbewusst anknüpfen kann. Diese Verknüpfungen sind vor allem im späteren bewussten Lernprozess von großer Wichtigkeit. Hier sind jene Punkte, an denen dann das neu zu vermittelnde Wissen andocken kann, bzw. wir auch bewusst Verbindungen herstellen können, um uns Informationen zu merken und zu verarbeiten. Lernen ist also hier noch ein zutiefst interdisziplinärer Prozess, der alle Regionen unseres Gehirns fordert und überall Informationen speichert.

 

Eskimos unterscheiden beispielsweise 40 Sorten Schnee, die Bewohner des Amazonasgebietes kennen/unterscheiden mehr, als 300 Grün-Töne. Das alles läuft über Assoziationen, weil von der breiten Kenntnis das Leben abhängen kann. Nun, wir kennen dafür mehr, als 30 Fernsehsender, von denen aber keiner wirklich für Lebensqualität sorgt und Bildung kommt da auch nur wenig zu Stande, da dieses Medium eben nicht für soziale Kontakte, die das Gehirn zum Lernen braucht, sorgt und Wissen nur im Austausch erweitert und gefestigt werden kann. Das Gehirn benötigt zum Lernen die Kommunikation und der Monolog des Fernsehers, Videospiels oder iPod hilft dabei nicht. Kommunikation beginnt mindestens bei einem Dialog, nur hier kann sich ausgetauscht werden.

Was sich hier oben mit der Blume so einfach und logisch beschreiben lässt, lässt aber nicht nur in unserem Kopf Emotionen entstehen, sondern löst im ganzen Körper Gefühle aus. So ist jeder bewusste oder unbewusste Lernvorgang mit zunächst Emotionen und nachfolgend Gefühlen verbunden.

Das Lernen mit allen Sinnen beginnt zu enden, wenn wir in die Schule kommen und das Gehirn mit dem akademischen Wissen konfrontiert wird. Hier werden in aller Regel nur noch die Sinne Hören und Sehen angesprochen (daher auch der Spruch: … da wirst du was erleben, wobei dir Hören und Sehen vergehen). Hinzu kommt, dass Kinder sehr schnell erfahren müssen, dass sie eben nicht für sich lernen im Sinne des sozialen Wesens und dem menschlichen Gehirn als dessen höchste Form der Organisation, sondern sie lernen für Anerkennung von Eltern, Lehrern und evtl. auch Klassenkammeraden. Damit nimmt immer mehr die Lernfähigkeit im Sinne der Herstellung von Assoziationen und interdisziplinärem Lernen ab. Die immer weiter zunehmende Spezialisierung in der Wissensvermittlung tut ihr Übriges. Hinzu kommt, dass jene, die Wissen vermitteln auch nicht interdisziplinär denken und handeln. Zu wenig wird der Zusammenhang zwischen den in den einzelnen Fächern vermittelten Stoffen hergestellt. Das Lehrpersonal sieht das eigene Fach mit zu großer Wichtigkeit. Was mit den Emotionen und Gefühlen wird, darüber wollen wir gar nicht reden.

Unsere Lernprozesse laufen zu wenig auf Verstehen, als mehr auf auswendig lernen hinaus. Wissen bedeutet verstehen und mit eigenen Worten wieder geben können. Genau das wird viel zu wenig gefordert. Wer etwas nicht verstehen kann, muss eben auswendig „lernen“ – ohne Sinn (weil der nicht erkannte wird) und Verstand (weil, wo kein Sinn erkannt wird, auch nicht verstanden werden kann). Hinzu kommt, dass Erwachsene – und das schließt das Erzieher- und Lehrpersonal ein – zu wenig wissen, wie ein kindliches Gehirn „funktioniert“. So gehen wir im Umgang mit Kindern vor allem ab dem Zeitpunkt, wo sie in die Schule kommen um, als wären sie Erwachsene. Wir erwarten, dass sie ihre Handlungen und ihr Verhalten so „berechnen und kalkulieren“ oder „überdenken“, wie wir es als Erwachsene tun. Wir versuchen immer wieder zu erreichen, dass sie sich der Konsequenzen ihres Handelns bewusst werden sollen. Das ist bei Kindern hirntechnisch und entwicklungsbedingt nicht möglich. Jedoch entsteht gerade aus dieser Erwartung von Erwachsenen und ihrem strafenden Umgang mit den Kindern eine Verhaltensänderung im Bezug auf die Lernfähigkeit und das Verhalten gegenüber den Eltern und Lehrern und natürlich auch in Gruppen. Die Hirnforschung lehrt uns, dass dieses erwartete Verhalten im frontalen Kortes – dieser liegt unmittelbar hinter der Stirn – erst in einem Alter von ca. 20 Jahren entwickelt ist. Alle vorherigen Bemühungen, hier belehrend zu wirken sind kontraproduktiv. Es ist wie bei einem Rasen. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, im Gegenteil, der junge Spross wird abgerissen.

Im Prozess des Erwerbs von Bildung ist also zwischen der von Wissen erwerben und der von auswendig erfassen zu unterscheiden. Lernen macht allerdings nur dann Sinn, wenn ich mit dem erworbenen Wissen tatsächlich auch umgehen kann, wenn ich in der Lage bin, es anzuwenden, mit Leben zu erfüllen. Auswendig „gelernte“ Informationen sind kein verstandenes Wissen, nicht wirklich anwendungsbereit, in der Dualität und dem Maschinendenken nach Renè Descartes, und dort befinden wir uns gesellschaftlich noch immer, aber sicherlich akzeptabel.

Anwendungsbereit bedeutet, dass ich Wissen in andere Bereiche überleiten kann, dass ich es nutzen kann, um eine Vielzahl von Fragen zu beantworten und vor allem das Wissen vielfältig interpretieren kann. Und bei der Interpretation sind wir bei dem nächsten Lernhemmnis. Es hat sich zwischen meiner Schulzeit von 1966 – 1976 in der ehemaligen DDR und der meiner jüngsten Tochter bis 2010 an einem Berliner OSZ im Bezug auf Interpretation nichts verändert. Es geht nicht um die persönliche Meinung, das persönliche Verständnis, sondern es werden wieder nur vorgefertigte Meinungen vermittelt, von Lehrern aus Büchern angelesen oder im Studium vermittelt. Die Aufforderung zur Interpretation und nachfolgende Zurechtweisung durch Besserwissen ist der Tod der Kreativität. Selbst mit 19 Jahren hat das meine Tochter noch immer befremdet. Letztlich ist solches „Lernen“ nichts anderes als Pauken, da die eigenen Assoziationen, die eben für eine Interpretation genutzt werden könnten, als unrichtig abgetan werden. Was zählt, ist die Lehrmeinung des Lehrkörpers und so wird das Wissen der Schüler zur Leermeinung.

Was zum Lernen fehlt, ist die Neugier, die durch das Stellen von Fragen erkennbar ist. Gleich, ob ich mit Jugendlichen oder Erwachsenen arbeite, Fragen werden kaum gestellt, weder zu dem vermittelten Stoff, noch zu möglichen interessierenden Fragen. Selbst das Fragen haben wir dem Menschen abgewöhnt, weil er Angst hat, was andere wohl über ihn denken oder er Angst hat vor Minderwertigkeit. Ein Ergebnis unserer Bildung, weil in den Kategorien „… entweder oder …“, „richtig oder falsch“ gedacht wird, wollen wir wieder lernen, brauchen wir „… sowohl, als auch …“.

Lernen der Kinder stößt an die Grenzen der Fähigkeiten von Erwachsenen. Kinder sind in ihrer Lernfähigkeit den Erwachsenen weit überlegen, leider wird das immer wieder verkannt. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Kinder lernen Rad fahren. Als ich mit ca. 5 Jahren Rad fahren gelernt habe, habe ich es solange versucht, bis es ganz allein geklappt hat, Treten, Lenken und nach vorne schauen, Anhalten und wieder aufsteigen und fahren. Da gab es kein „das kann ich nicht, das wird ja nie was, was wird, wenn ich das kann“. In dieser Phase sind wir alle Lösungsdenker. Jahre später habe ich aus meinem erzieherischen Umfeld deren Zweifel zu meinem Können aber in erster Linie deren eigenem (Un)Vermögen übernommen. Und so werden wir in unserem Denken und dann auch Handeln fremd programmiert und gesteuert. Wir werden zu Problemdenkern.  Diese Fremdsteuerung für sich zu erkennen ist die Grundlage zur Veränderung dieser Prozesse.

Über das Lernen von Kindern müssen wir nicht reden, die kommen mit dieser Fähigkeit zur Welt, wir Erwachsenen sind aufgefordert, sie in dieser Fähigkeit durch unsere eigenen Beschränkungen nicht mehr zu behindern. Das Gehirn sorgt für die notwendigen Botenstoffe und den fortwährenden Anreiz und auch die Belohnungen. Hier können wir von den Kindern  durch Beobachtung und Nachahmung lernen.

Wie kommen wir Erwachsene aber nun wieder zum Lernen und weg vom pauken. Grundsätzlich geht es um eine breite Allgemeinbildung. Das bedeutet nicht hauptsächlich zu wissen wann Kaiser, König, Königin und General geboren und gestorben sind und welche „persönlichen“ Leistungen sie vollbracht haben, wann welcher Krieg gewonnen oder verloren wurde, sondern bedeutet in erster Linie Kenntnisse über die Natur und den Menschen zu haben. Wichtig ist dabei, seine eigene Rolle in der Gesellschaft zu erkennen, lohnenswerte eigene Ziele zu haben und an deren Verwirklichung zu arbeiten und immer die Fragen nach dem „wie“ und „warum“ zu stellen. Antworten zu den Fragen nicht dort zu suchen, wo alle schon gesucht haben und jeder gelaufen ist, sondern auch nach Alternativen suchen. Nur auf eigenen Wegen kann ich Spuren hinterlassen. Wichtig ist, die Sicht auf die Dinge zu verändern, sie aus unterschiedlichen Richtungen zu betrachten. Dann entsteht neues Wissen, Assoziationen, an die neue Informationen anknüpfen können.

Lernen ist Lösungsdenken!

 

 

Positiv denken? Oder positiv SEIN!

6. Februar 2012

Zwei Menschen sitzen zusammen und haben sich einen Moment einmal nichts zu sagen, sie sinnieren vor sich hin. Da fragt der Eine den Anderen „woran denkst du gerade?“ und der andere sagt „an nichts!“ Geht das? Nun, in einem meditativen Zustand schon, wenn wir es gelernt haben, sonst ist unser Verstand das größte Hindernis. Und es geht natürlich auch, wenn wir im sogenannten Flow  sind, in den wir uns nicht bewusst bringen können, aber hinein gelangen. Den Flow erreichen wir, wenn wir uns ganz und gar einer Sache hingeben, es einfach fließen lassen, nicht über „richtig oder falsch“ nachdenken. Unser Körper ist immer im Hier und Jetzt, unser Verstand pendelt zwischen der Zukunft und der Vergangenheit hin und her, nur im Jetzt ist er nicht. Gerade deshalb fällt es uns auch nicht immer leicht, uns auf Gegenwärtiges zu konzentrieren.

Wir kommen aber mit dieser Unkonzentriertheit nicht zur Welt, wir bekommen sie angewöhnt, anerzogen. Das merkt man daran, wenn wir als Eltern oder Erzieher oder Lehrer Kinder einmal in ihrem Tun beobachten. Wenn sie spielen oder lesen gehen sie nicht selten ganz in dem Vorgang auf. Ein Erwachsener ruft sie zum Essen, zum nach oben kommen oder irgendwelchen anderen von den Erwachsenen gewollten Tätigkeiten. Das Kind hört es einfach nicht, selbst zwei- oder dreimal rufen erreicht den Adressaten nicht. Flow ist dann fast wie Tagtraum, das Gehirn befindet sich in einem anderen „Aktivitätsmodus“ den man Alpha nennt. Das ist ein Zustand, in dem sich Kinder im Alter von ca. 6 – etwa 9 Jahren wenn sie „wach“ sind,  immer befinden, auch wenn wir glauben, sie befinden sich in dem gleichen Wachzustand – Beta – wie die Erwachsenen.

In diesem schwankenden Denken zwischen Zukunft und Vergangenheit haben wir es auch verlernt, positiv über uns, andere Menschen oder eine Vielzahl von Ereignissen zu denken. Das können wir auch dann sehr konkret feststellen, wenn sich jemand unverhofft bei uns telefonisch oder postalisch meldet oder wir eine Vorladung von irgendjemandem irgendwohin bekommen. „Was wollen die schon wieder?“ So beschäftigen wir uns ab dem Moment mit der Problematik und merken gar nicht, wie wir uns selber die Zeit stehlen und immer wieder gedanklich nach unten ziehen.

Seit vielen Jahren gibt es auf dem Markt des Coaching und Training solche Formulierungen und Übungen, die sich unter „denk positiv“ zusammenfassen lassen. Ob es nun Affirmationen sind oder Denkspiele, mit denen Ereignisse in ihrer Bedeutung von Preis auf Gewinn umgeschrieben werden, ist gleichgültig, es kann immer nur ein Anfang sein. Wichtig ist zu erkennen, dass es nicht darum geht, positiv zu denken, sondern positiv zu SEIN.

Was ist unter dem SEIN zu verstehen. Es ist nicht einfach, positiv zu SEIN, bedeutet aber in der Konsequent eben genau das zu zulassen, was man unter Flow ins deutsche übersetzt verstehen muss. Es ist fliesen, rinnen, strömen, letztlich das Leben und alle damit im Zusammenhang stehenden Umstände zu akzeptieren. Es geht ganz und gar nicht darum, Ereignisse durch Manipulation im Sinne der Wiederholung der Vergangenheit zur Gewinnmaximierung oder der Schmerzvermeidung zu beeinflussen. Auch ist es wichtig, eben nicht immer wieder der Vergangenheit, der „goldenen Zeit“ nachzuhängen. Damit befinden wir uns in einem fortwährenden gedanklichen Mangel. Mangel bringt Mangel hervor, er verstärkt sich. Im Mangeldenken vergleichen wir immer ein geglaubtes „Haben“ mit einem imaginären Soll. Hinzu kommt der Vergleich mit anderen Personen oder früheren Situationen. Dabei kommt das Haben immer schlecht davon, bzw. hat das momentane Glücksgefühl nur einen kurzen Moment Nachhaltigkeit.

Positives Denken allein kann keine Lösung sein, wenn ich innerlich nicht wirklich mit mir und der Welt – allen Objekten und Subjekten – um mich herum zufrieden sein kann. Fallen diese beiden Dinge auseinander, entsteht in mir ein Widerspruch, der sich nicht durch das Denken allein auflösen lässt. Um in das positive SEIN zu kommen ist es erforderlich, die Selbst- und Fremdwahrnehmung zu verändern, sich im eigentlichen Sinne der Bedeutung des Begriffs „Individuum“ mit allem verbunden zu fühlen, sich zu allem universellen zugehörig zu fühlen. Ein erster ganz persönlicher Schritt ist die Wahrnehmung der persönlichen Verantwortung für den eigenen Körper, für seine Versorgung mit Nahrungsmitteln und in einem weiteren Schritt dafür zu sorgen, dass neben einer körperlichen auch eine geistige Hygiene erforderlich ist.

Viele wundervolle Erlebnisse auf dem Weg zum positiv SEIN.

Menschenkenntnis! oder doch nur Vorurteil?

27. Dezember 2011

Alle meine beruflichen Tätigkeiten waren und sind davon bestimmt, mit Menschen zu arbeiten. Dabei waren diese Personen entweder meine Chefs, Kollegen oder aber eben auch meine Unterstellten. Seit meiner Tätigkeit als Coach und Trainer, aber vor allem seit meiner Selbständigkeit hat dieser Umgang mit Menschen eine andere Bedeutung.

So, wie auch ich in den vergangenen Jahren für mich in Anspruch genommen habe, Menschenkenntnis zu haben, begegnen mir auch heute in meinen Seminaren, Schulungen und Coachings immer wieder sehr viele Menschen, die von sich behaupten, Menschenkenntnis zu haben. Da diese Kenntnis aber immer wieder auch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt, wollte ich einfach mehr darüber wissen. Also habe ich mich mit meinem heutigen Wissen auf den Weg gemacht und erfragt, woran alle diese Personen das, was sie als Menschenkenntnis bezeichnen fest machen.

Es lässt sich in der Aussage zusammenfassen, die da lautet: Wenn ich einen Menschen sehe, dann habe ich sofort ein Bild von ihm, das ich mit einem bestimmten Verhalten seinerseits verbinde. Genau das ist dann das, was ich mit ihm/von ihm erlebe. Nun, das ist bestimmt auch das, was die meisten Menschen darunter verstehen, aber genau das hat nichts mit Menschenkenntnis zu tun! Es ist Schubladendenken, ich möchte es als emotionalen Autismus bezeichnen. Es ist “keine zweite Chance für den ersten Eindruck” oder “der erste Eindruck entscheidet”.

Der Prozess, den wir als „Menschenkenntnis“ bezeichnen ist nichts anderes, als uns begegnende Personen in Schubladen zu stecken. Das hängt mit unseren ganz persönlichen Erfahrungen zusammen. Diese Erfahrungen sind sowohl aus unserer jüngeren Vergangenheit, wie auch aus dem, was über viele lange Jahre zurück liegt. Alle diese Erfahrungen sind aber immer mit ganz bestimmten Einzelpersonen oder Personengruppen unter ganz bestimmten Bedingungen gemacht worden und wir selber haben uns entschieden, eine solche Erfahrung machen zu wollen. Eine Übertragung auf andere Personen und Situationen ist so pauschal, wie wir es tun, gar nicht möglich. Jeder Mensch ist anders, das wissen wir „eigentlich“ auch, wir leben es nur nicht. Auch wenn sich Menschen äußerlich gleichen oder bestimmte vergleichbare Verhaltensweisen zeigen, so handelt es sich doch IMMER UM EINEN ANDEREN MENSCHEN.

Alles, was wir in unserem Leben erleben und das schließt alle handelnden Personen mit ein, wird in unserem Gehirn bewusst und unbewusst abgespeichert. Diese Speicherung geschieht einmal rein faktisch/informativ mit Ort, Datum, Personen und Ereignis und dann zusätzlich in einem anderen Areal emotional und gefühlsmäßig. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ebenen, auf die aber eben immer wieder zurückgegriffen wird. Da wir es im Verlauf unseres Lebens verlernt haben, Dinge einfach zu akzeptieren und wir lieber urteilen und verurteilen, wir nicht verstehen, dass alles, wie es ist, so sein muss, versuchen wir unser Leben und das Leben der uns umgebenden Personen zu manipulieren. Diese Manipulation schließt die Schmerzvermeidung durch Erfahrungen mit ein. Leider (Gott sei Dank) gelingt es uns aber nicht, alles und jedes zu manipulieren, aber immer noch uns selbst.

Bildlich gesprochen, ist unser Gehirn wie eine Bibliothek oder moderner gesagt, eine Videothek. Dort gibt es einen Bereich, in den alle dürfen und dann gibt es einen Bereich, der ist nur bestimmten Personen zugänglich. Der gesperrte Bereich ist tief in uns vergraben, das, was Siegmund Freud den „schwarzen Kontinent“ in uns, unser ganz persönliches Afrika, bezeichnete. Der öffentliche Bereich untergliedert sich in eine „helle Bibliothek“, in der alle von uns persönlich positiv bewerteten Informationen gespeichert werden. Und wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten, also haben wir auch eine „dunkle Bibliothek“, in der alles das abgespeichert wird, was wir persönlich als negativ empfunden haben. In dieser Bibliothek sind alle Informationen auf Datenträgern, welchen auch immer, gespeichert. Die Datenträger sind untereinander auch noch unsichtbar verknüpft. Wir nennen das Assoziationen.

Jetzt können zwei Menschen genau das gleiche Erlebnis genau zur gleichen Zeit haben und trotzdem legen sie das Ereignis auf Grund ihrer persönlichen z. B. Lebenseinstellung oder Moralvorstellung unterschiedlich ab. Tritt nun eine ähnliche Situation irgendwann einmal wieder auf, gehen wir – und das ist völlig unbewusst, solange wir das nicht erkannt haben – in unsere Bibliothek. Dieser Gang geschieht in nahezu Lichtgeschwindigkeit und wir ziehen alle Datenträger, z. B. Karteikarten, auf denen die Informationen gespeichert sind, um zu suchen, wo und wie wir uns orientieren können. In diesem Prozess werden dann wieder über die Assoziationen die Emotionen und nachfolgend die Gefühle angesprochen. Haben wir positive Emotionen aus guten Assoziationen, so lassen wir uns auf die Situation ein, wir sind geistig und körperlich offen, unser Gehirn produziert Dopamin, den „Weihnachtsbotenstoff“ (Vorfreude). Werden aber negative Assoziationen angesprochen und damit eben auch negative Emotionen, so produziert unser Gehirn Kortisol, das Stresshormon und wir verschließen uns geistig und körperlich. Wir selber sorgen unbewusst dafür, wie die Situation verläuft. Unsere geglaubte „Menschenkenntnis“ ist nichts anders, als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, ob nun positiv oder negativ, hängt wieder ganz von unserer persönlichen Einstellung ab. So ist diese „Menschenkenntnis“ auch nicht objektiv, sondern rein subjektiv. Eine Peron, bei der mir meine „Menschenkenntnis“ sagt, dass hier Sympathie vorhanden ist, ist für einen anderen Menschen völlig unsympathisch.

Für alle Informationen und Situationen funktioniert unser Gehirn so, dass alles erst durch das limbische System, unser Emotionalhirn muss und dort einer Wertung unterzogen wird, bevor es eine Chance hat, im Kurzzeitgedächtnis anzukommen. Unser Emotionalhirn ist der große Bestimmer. Diese Emotionen sind aber in jedem Fall rein subjektiv und wir versuchen, sie als objektiv zu verkaufen. Von emotionalem Autismus spreche ich deshalb, weil wir uns eben nicht auf Andersartigkeit einlassen, weil wir es wieder bestimmen wollen und in der Hauptsache auf das achten, was uns entweder gefällt oder wir eben ablehnen. Wir bekommen das bestätigt, wonach wir suchen, für den „Rest“ sind wir blind. Im „Kleinen Prinzen“ können wir lesen „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Es sind nicht nur die Augen, die uns behindern, es ist der ganz persönliche (Un-)Verstand. Auch bei Goethe lesen wir „Weil du die Augen offen hast, glaubst du, du siehst“.

Ein Chef, der glaubt, durch „Menschenkenntnis“ sein Team zu schaffen, macht nichts anders, als um sich Leute zu scharen, von denen er glaubt, dass sie für ihn problemfrei sind. Er sucht sich das, was „tickt“, wie er es will. Aber „nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“, aber „an der Quelle ist das Wasser am saubersten“.

Wie funktioniert denn aber nun Menschenkenntnis, wie kommen wir raus aus dem emotionalen Autismus?

Seit Anfang der 90er Jahre des 20 Jahrhunderts wissen wir von den Spiegelneuronen. Sie funktionieren bei allen Menschen gleich. Wenn wir sie lesen können, erkennen wir, wie sich ein Mensch fühlt, was in ihm im Moment vor geht oder auch wie seine gegenwärtige Prägung ist. Spiegelneuronen geben ein objektives Bild, das bei allen Menschen gleich funktioniert. Das ist deshalb so, weil die biologischen und chemischen Vorgänge in allen Menschen die gleichen sind, die auslösenden Ursachen dafür aber unterschiedlich. So lasse ich mich über die Spiegelneuronen nicht mehr von der „hellen und dunklen Bibliothek“ leiten und kategorisiere Menschen in sympathisch und unsympathisch, sondern von dem, was Mitgefühl, Empathie oder auch soziale Kompetenz genannt wird. Jeder Mensch hat für mich eine Botschaft, ist ein Spiegel für mich. Die Königin in „Schneewittchen“ fragt nicht umsonst „Spieglein, Spieglein an der Wand …“.

Es sind nur die Spiegelneuronen, über die ich einen Menschen erkennen kann, sie sprechen mit mir, alles andere ist Vorurteil, Selbstbetrug und sich selbst erfüllende Prophezeiung. Menschenkenntnis heißt, sich auf andere Menschen einlassen, Vertrauen haben, das anders SEIN einfach zu akzeptieren und nicht zu urteilen.

 

„der erste Eindruck entscheidet“ oder „keine zweite Chance für den ersten Eindruck“

1. Dezember 2011

Diese Aussage kenne ich seit vielen Jahrzehnten und sie hat mich in der Familie begleitet, der Schule, den Ausbildungen, im Studium, den Tätigkeiten im Außendienst, einer Vielzahl von ernsthaften und einfach nur aus Spaß geführten Vorstellungsgesprächen. Heute erlebe ich die Wirkung dieser Worte und was es aus den Menschen macht als Coach und Dozent mit meinen Coachee und Gruppenteilnehmern.

Betrachte ich diese Theorie und Praxis aber eben nicht aus der Sicht des EGO, das sagt „so ist es“ sondern aus einer Sicht, die fragt „ist das tatsächlich so?“, so bleibt auf beiden Seiten der handelnden Personen nur eine Lüge. Meine ganz persönliche Schlussfolgerung ist: was interessiert mich, was andere Menschen über mich denken, ich bin nicht massenkompatibel und tue gar nichts dafür, um anderen Menschen zu gefallen. Ich habe gar nichts mit den Denkweisen und der emotionalen Vergangenheit anderer Menschen zu tun.

In dem Bewusstsein, zu „wissen“, dass es keine zweite Chance gibt, sind fast alle Menschen versucht,  z. B. in der Phase des gegenseitigen kennen Lernens dem anderen Menschen zu gefallen. Was damit verbunden ist, ist dass wir in die Rolle fallen, möglichst viel dafür zu tun, um auf der anderen Seite Sympathie zu erzeugen. Wir haben sogar ein Gespür dafür, zu merken, ob unser Rollenspiel ankommt oder nicht. Kommt es an, betreiben wir es weiter, kommt es nicht an, versuchen wir es auf eine andere Art oder wir tun den anderen Menschen irgendwie negativ ab. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, dass wir mit unserem Schau(Versteck)spiel unter den gesellschaftlich erlernten Verhaltensmustern gar keine Chance haben, authentische zu sein.

Was geschieht denn eigentlich in uns, wenn wir jemanden oder etwas kennen lernen können, wollen, sollen.

Der Mensch ist ein zutiefst emotionales Wesen. Noch bevor wir als Kleinstkind anfangen, auf der Basis des IQ (Intelligenzquotient = akademisches Wissen) zu lernen, ist wir schon im EQ (emotionaler Quotient = Emotionen und Gefühle) verletzt. Hier gibt es bei keinem Menschen eine Ausnahmen. Diese emotionale Verletztheit begleitet uns unser ganzes Leben und wird immer weiter genährt, solange wir das System nicht erkennen und durchbrechen.

Jemanden/etwas kennen lernen hat eben etwas mit lernen zu tun. Unser Gehirn ist aber so strukturiert, dass alle Informationen, wenn wir sie dann aufnehmen, einen bestimmten Weg nehmen. Dieser ist vorbestimmt, neuronal definiert.  Bevor eine Information in unser Kurzzeitgedächtnis kommen kann – dort landet erst einmal alles –  muss sie durch das Limbische System, unser  Emotionalhirn. Dort wird entschieden, ob sie ihren Weg fortsetzen darf oder abgelehnt wird.

In unserer emotionalen Wahrnehmung werden wir bereits als Kinder durch das erzieherische Umfeld konditioniert (in der Computersprache sagt man programmiert) und so, wie sich ein Computer nicht einfach selber umprogrammieren kann, machen wir es als Menschen auch nicht einfach so. Da der Mensch in seinem EGO auf Anerkennung ausgerichtet wird, ist die Konditionierung auf Schmerzvermeidung – Spüren von Ablehnung – fixiert. So lernen wir das Rollenspiel und wie in jedem Film gibt es dann gute und weniger gute Schauspieler.

Neben dem Rollenspiel haben wir es hier mit einem weiteren nicht förderlichen Umstand zu tun. Körperlich sind wir als Mensch immer in der Gegenwart, gedanklich aber eben wiederum auf Grund unserer Konditionierung entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Es gelingt uns nur ganz selten und dann auch nur für wenige Momente bewusst in der Gegenwart zu sein. Das Ergebnis ist Unkonzentriertheit in der Gegenwart. Viel hinderlicher ist allerdings, dass wir in ungewohnten Situationen und jede neue Situation ist für uns zunächst einmal ungewohnt, völlig unbewusst in die Vergangenheit gehen und dort in Bruchteilen von Sekunden nach vergleichbaren Situationen und Personen und damit nach Lösungen suchen.

Alle aufgenommenen Informationen werden in unserem Hirn vielfältig in mehreren Regionen gespeichert. Über die verschiedensten Assoziationen werden sie dann abgerufen. Je mehr wir eine Rolle spielen und anderen Menschen gefallen wollen, umso geringer ist die Auswahl an Assoziationen,  weil „… das macht man nicht!“ oder „… das tut man nicht!“, „… das ist verboten!“ oder „… das wurde schon immer so gemacht!“. Bildhaft ausgedrückt, ist unser Gehirn wie ein Schrank mit Schubladen, deshalb auch Schubladendenken. Der Schrank hat zwei Seiten und jede Seite hat viele Schubladen. Jede dieser Laden ist angefüllt mit Karteikarten und auf diesen ist alles gespeichert, was wir je erlebt haben.

Auf den Karten steht ausschließlich die sachliche Information, also z. B. dass du, lieber Leser, am heutigen Tag jetzt diesen Artikel mit dem hier dargelegten Inhalt ließt. Was allerdings nicht auf der Karte steht, aber genau in diesem Moment bei dir auch stattfindet, ist die emotionale Ansprache und Reaktion. Was wir nicht sehen können, ist, dass  die Karte eine (emotionale) Energie, eine (emotionale) Spannung oder (emotionale) Ladung hat, durch die wir dann dahin kommen, wovon wir sagen „da war ich aber auf 180“. Du sagt dir „so ein Quatsch“ oder „ist ja interessant“ und das geht eben von den Emotionen, der Konditionierung aus. Wieder zu dem Schrank zurück, werden die Informationen, die du mit „Quatsch“ bewertest auf der einen Seite mit der sogenannten „dunklen Bibliothek“ verbunden, die du mit „interessant“ bewertest auf der anderen Seite in der sogenannten „hellen Bibliothek“.  Dabei ist das, was z. B. in der dunklen Bibliothek bei Peron A abgelegt wird, bei Person B völlig im grünen Bereich und wird in der hellen Bibliothek abgelegt.

Ist Person A bei Person B eben auf Grund deren dunkler Bibliothek negativ belegt, hat A gar keine Chance für einen positiven Eindruck. Es wirkt wie eine sich erfüllende negative Prophezeiung. Genau das sich selbst Erfüllende entsteht auf Grund der Emotionen. In dem Moment, in dem bei B seine Bilder aus der Vergangenheit angesprochen werden, reagiert er unbewusst in seinen alten Emotionen, für die Person A allerdings gar nichts kann.  B ist fast ausschließlich darauf fixiert, dass wahr zu nehmen, was ihn persönlich stört. Dieser Prozess geschieht ausschließlich unbewusst. Nicht anders ist es natürlich auch bei A. Auch in ihm wird beim Anblick von B in den Bibliotheken nach Vergleichsbildern gesucht und diese auch gefunden.

So versucht Person A der Person B durch Manipulation zu gefallen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Nicht selten fällt der manipulierte B auf den Manipulator A herein, wenn es A gelingt, genau die Verhaltensweise an den Tag zu legen und die Worte zu wählen, die B sehen und hören möchte. Allerdings ist der Tag der persönlichen – nicht gegenseitigen –  Enttäuschung nicht weit entfernt.

Menschen, die wissen, dass es keine guten und keine schlechten Informationen gibt, sondern dass die Bewertung ausschließlich im Kopf des Adressaten geschieht, können vermitteln, dass somit auch ein Absender als  Ereignis / Person gar keinen Einfluss auf die Bewertung „sympathisch“ oder „unsympathisch“ hat, weil der Empfänger selber über seine Sichtweise entscheidet. Entsprechend unserem ganz persönlichen Gang in unsere Vergangenheit wird dann völlig unbewusst die Wertung + Bewertung + Urteilen und dann evtl. Verurteilen vollzogen. Sympathie  und Antipathie haben nie wirklich etwas mit der anderen Person oder neuen Situation zu tun, sie entstehen auf Grund der ganz persönlichen Vorgeschichte und dazu gespeicherten Informationen und vor allem der Wertung der Informationen im eigenen Kopf.

Mein persönliches Werturteil ist in dem Fall das, was mich in meiner Möglichkeit für eine Erkenntnis behindert, da ich der anderen Person in meinem Schubladendenken entweder Unrecht tue oder ihr einen Bonus gebe, den ich jemand anderem rein subjektiv verweigere.

Die Erkenntnis, dass die Aussage „Keine zweite Chance für den ersten Eindruck“ auf beiden Seiten ein Selbstbetrug und nichts anderes, als Schubladendenken ist,  kann schrittweise die Situation verändern. Lernen, einfach darauf gespannt zu sein, wie der andere Mensch ist, was mir die unbekannte Situation vermitteln kann, ist viel erfahrungsreicher und interessanter, als der Glaube daran „… es gewusst zu haben“.

Sympathie  und Antipathie sind letztlich unter der Betrachtung „keine zweite Chance für den ersten Eindruck“ diskriminierend und von einem Mangel an lernen wollen und lernen können gekennzeichnet. Es ist letztlich wieder nur mehr Schein als Sein, wodurch ein innerer Prozess angeschoben wird und zu (Fehl)Entscheidungen führt.

Immer, wenn uns jemand/etwas Neues begegnet können wir uns des Musters aus der Vergangenheit bewusst werden, bewusst aussteigen und so die Chance haben, tatsächlich etwas/jemanden kennen zu lernen. Musterdenken ist der Aufenthalt in der Komfortzone, auf Wissensinseln.

„Ich möchte für das, was jetzt kommt offen sein“ ist die wirklich Ziel führende  Einstellung, die beide Seiten wachsen und Vertrauen fassen lässt.

Das Leben ist ein Spiel, in dem man nicht siegen kann. Es ist kein Strategiespiel wie Schach oder Mühle, es heißt einfach nur „Mensch ärgere dich nicht“.  Ich gewinne in diesem Spiel täglich Erfahrungen, indem ich lerne. Wo es keinen Sieger gibt, gibt es auch keinen Verlierer, es gibt nur Gewinner.  Ich lade dich zu diesem Spiel ein, versuch es einfach einmal!

 

Burnout? Depression?

17. November 2011

Für die Liebhaber von Fakten, hier ein paar Zahlen, auch wenn sie ein trauriger Ausdruck unserer Gesellschaft und deren Innenleben sind

  • ca. 20 % der Bevölkerung (jeder 5) erleben mindestens einmal im Leben eine Depression,
  • ca. 12 % der Befragten gaben an, an einer Depression zu leiden
  • Bezieht man die leichten Depressionen mit ein, sind es mehr, als 30 %, also jeder Dritte,
  • Vor allem Menschen zwischen 20 und 30 Jahren und wieder mit ca. 50 Jahren erleben Depressionen
  • 11.000 Suizide jährlich auf Grund von Depressionen,
  • Höhere Sterberate auf Grund von Herzkrankheiten und Krebs auf Grund von Depressionen,
  • 50 % aller operierten Patienten weisen keinen organischen Befund auf, es sind psychische Fälle,
  • Mehr als 2.000.000 Bürger leiden an einer Geisteskrankheit und sind deshalb arbeitsunfähig,
  • Viele 10.000 Kinder leiden an ADS und ADHS,

Diese Zahlen sind u. a. nachzulesen unter

http://de.statista.com/themen/149/depression/

Da ich Realist bin, glaube ich den Zahlen nicht, die Dunkelziffer eingeschlossen, liegen die Zahlen wesentlich höher.

In dem Buch „The Big Five for Life“ von John Strelecky unterhalten sich die beiden Hauptakteure Thomas und Joe und Thomas sagt: „das er in mir – und auch in manchen anderen – etwas gesehen habe, das er in jüngeren Jahren jeden Morgen auch bei sich selbst bemerkt hatte. Ein unglaubliches Gefühl der Hoffnung und ein enormes Potenzial, überlagert von einer stillen Verzweiflung.“

Diese Feststellung begegnet uns nicht nur im englischsprachigen Raum, sondern sie ist auch bei uns zu Hause, mir begegnet sie bereits morgens in der Bahn bei den Erwachsenen und dem Bus bei den vielen Schülern zwischen 12 und 16 Jahren und den ganzen Tag über bei den Menschen, mit denen ich arbeite im Sinne von lehren (nicht wegen meiner Lehrtätigkeit), aber auch denen, die zu mir kommen und ein Coaching möchten.

Es gibt viele schlaue Bücher zu den Themen von Depression und Burnout und sie alle betrachten die „Krankheit“ von außen. In meinem Unterricht und Coaching sind mir viele Menschen auf dem Weg der Genesung von einem Burnout begegnet, alle nach stationärer und/oder ambulanter Behandlung, alle nicht wirklich gesund. Allen habe ich eine Frage gestellt, die da lautet „wurde mit ihnen eine Persönlichkeitsstrukturanalyse durchgeführt?“ Die immer gleiche Antwort lautet „nein“.

Nun komme ich zum Thema: Wir werden in dem Bewusstsein erzogen und das glauben wir tatsächlich, dass das Leben das ist, was wir außerhalb von uns (er)leben. Wir unterliegen der Täuschung, dass wir die Welt sehen, wie sie ist und glauben an einen, wenn auch als Subjekt, objektiven Blick. Sehen es viele Menschen so, wie wir, können wir uns natürlich auch gar nicht täuschen. Und da wir an unsere Wahrnehmung glauben, versuchen wir das, was wir wahrnehmen zu verändern, indem wir es außen verändern wollen. Wir streben danach, Situationen und Menschen in unserem Sinne in ihrem Denken und Handeln zu verändern –

  • das beginnt bei den eigenen Kindern mit der sogenannten Erziehung und endet in der Schule bei fremden Kindern
  • das geschieht täglich auf der Arbeit, indem der Chef an seinen Mitarbeitern rumnörgelt
  • das machen die Politiker, indem sie sich gegenseitig der Untätigkeit und anderer Fehlverhalten bezichtigen (was auch nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, aber jeder fasse sich an die eigene Nase)
  • das ist im Sport der Fall
  • und überall sonst in unserem Leben

Wir leben davon, manipuliert zu werden und nutzen die Manipulation, um uns ein angenehmeres Leben zu verschaffen. Wir manipulieren, weil wir glauben, dass es uns schlecht geht, dass wir uns in einem Mangel befinden, materiell, geistig und natürlich auch immer körperlich. Und weil wir diesen Mangel glauben zu fühlen, versuchen wir diesen durch die Veränderung der äußeren Umstände zu beseitigen. Mit unserem Handeln erreichen wir tatsächlich auch temporär punktuelle Veränderungen, die aber nur einen neuen Mangel hervorrufen. Wir sind völlig auf die Außenwelt fixiert, ohne sie auch nur im geringsten Maße zu verstehen. Es wird uns ja auch nicht gelehrt, von wem auch.

Maslow`s Bedürfnispyramide wird in der fünften Stufe, der „Selbstverwirklichung“ im Sinne einer früheren Sparkassen-Fernsehwerbung „Mein Haus, mein Auto, …“ im gesellschaftlichen Kontext ausschließlich im Haben interpretiert, definiert und realisiert. Nur so macht Werbung Sinn und nur so wird nach Marx das Produkt zur Ware. Der Mensch wird über diesen Prozess irre und wie der Autor Manfred Lütz schreibt, ist es „IRRE! Wir behandeln die Falschen“ http://www.amazon.de/dp/3442156793/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1321554353&sr=8-1

Die Hopi sagen „sie werden vor vollen Tellern sitzen und trotzdem verhungern“. Ja, unsere Teller sind voll im Sinne von Haben, aber wir sind geistig verhungert, wir haben geistige Hungerödeme. Wir lernen im Sinne von IQ (Haben), wir verhungern im Sinne von EQ und SQ (Sein).

Mit der „Selbstverwirklichung“ meint Maslow aber in Wirklichkeit etwas anders, nämlich die geistige Selbstverwirklichung, also die Suche in mir selbst, nach meiner inneren Kraft, meiner Herkunft und meinem Weg unter dem Blickwinkel von Nachhaltigkeit. Es ist eben die Emotionalität und die Sinnhaftigkeit mit Nachhaltigkeit des Lebens. Diesen Prozess erkennend, kommen wir auch nicht mehr mit der Außenwelt in Widerspruch, denn dann ist die Welt, wie ich sie sehe. Auch wenn das in unserem Bewusstsein gar nicht hinterlegt ist, so leben wir es allerding doch unbewusst. Suche ich nach Angst, werde ich sie haben und machen, suche ich nach Schuld, werde ich sie suchen und zuweisen, will ich Kritik, werde ich sie üben und erhalten und brauche ich Wut und Zorn, werde ich sie haben oder anderen machen.

Wir glauben, es gäbe eine Welt außerhalb von uns, das ist nicht wahr, es stimmt, dass es die Welt im Sinne der Erde als Planeten gibt, aber für uns als Mitteleuropäer, die nicht mehr wirkliches Leid und Gefahren kennen, ist alles, wovon wir glauben, dass es Realität wäre, einfach nur das Ergebnis der Projektion in unserem Kopf. Unsere Welt, ob gut oder schlecht, entsteht in unserem Kopf. Das Leid ist nicht Außen, dass ist in unserem Kopf und mit unserem Leid im Kopf sorgen wir wiederum für das Leid im Kopf der nachwachsenden Generationen, sie werden noch kranker, als wir es heute schon sind.

Wir haben für uns definiert, dass Geschehnisse mit Mangel oder Schmerz verbunden sind, obwohl sie bei genauerer Betrachtung Bestandteil eines jeden Lebens sind. Durch diese Fehlinterpretationen lenken wir uns von den tatsächlich gefühlvollen Momenten ab, wenden uns von uns persönlich ab und lassen das Leben nicht fließen. Wir versuchen fortlaufend bei den persönlich positiven interpretierten Dingen einen Stausee zu schaffen, um sie nie zu verlieren und bei den geglaubten negativen Umständen versuchen wir Stromschnellen einzubauen und bringen damit unseren Lebensrhythmus und damit auch den Geist durcheinander. Es sind Geisteskrankheiten, weil wir den Geist nicht fließen lassen und auch ein stehendes Gewässer wird trüb und fängt irgendwann an zu stinken.

Depression und Burnout als Bestandteile der Geisteskrankheiten entstehen nicht auf Grund äußerer Einflüsse, sondern auf Grund der persönlichen Fehlinterpretation der äußeren Welt aus der Sicht meiner ganz persönlichen Vorstellungen über diese Welt. Es ist die Unfähigkeit, sich vom Leben tragen zu lassen, Umstände zu nehmen, wie sie sind. Es ist der fehlende innere Halt und immer wieder die Orientierung nach Außen, der fortwährende Versuch, die große Welt meinem kleinen egoistischen Weltbild anzupassen. Da sich aber die Welt nur verändert, wenn ich meine Betrachtung verändere, wird mein innerer Widerspruch größer und der Abstand zu einer Krankheit kleiner. Die Frage nach der Persönlichkeitsstruktur gibt Antwort auf meine persönlichen Widersprüche zu meiner Außenwelt und diese muss ich für mich auflösen. Die Welt wird sich nicht verändern, ich kann meine Sicht auf die Welt verändern, das gelingt mir allerdings nur, wenn ich mich (er)kenne.

Unser ganz persönliches Leben findet nicht außerhalb von uns in irgendeiner Welt statt. Diese Welt ist ausschließlich in uns und wir sehen die Bilder, die wir sehen wollen und wir leben ausschließlich das Leben, das wir leben wollen, jeden Tag entscheiden wir uns erneut für unser tägliches Leben.

Verändern wir unsere Weltsicht und die Welt sieht für uns sofort anders aus, damit haben wir bereits die Welt verändert.

Eine differenzierte Betrachtung möchte ich all jenen zugestehen, die depressiv sind, weil sie körperlichen und seelischen Grausamkeiten, wie Krieg, körperlichem und geistigem Missbrauch und anderen Perversionen ausgesetzt waren oder noch immer sind.

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst

27. August 2011

Diese Aufforderung Jesu ist neben der uneingeschränkten Liebe zu Gott eine der zentralen Formulierungen im Umgang der Menschen untereinander. Die aufgezeichnete und verbal überlieferte Geschichte machen uns aber deutlich, dass wir es hier mehr mit einem ehernen Wunsch, als einer Realität zu tun haben. Alles, was in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden mit und vor allem in den Menschen geschehen ist, ist in seiner Ganzheit auch immer auf Disput und Zwietracht ausgerichtet. Und gerade auch jene, die die Liebe, vor allem zu Gott auf ihre Fahnen geschrieben haben, tragen ihren Teil zu dieser Trennung der Menschen von einander bei. Auch ist die gelebte Praxis von Schuld und Sühne der Liebe des Nächsten und sich selbst völlig entgegen gesetzt.

Wie geht diese Getrenntheit aber nun vor sich, zum einen im Großen, der mangelnden Liebe der Menschen untereinander, aber auch im Kleinen, dem Menschen als solchen zu sich, vor sich? Es ist fast wie die Frage danach, ob erst das Huhn oder erst das Ei da war. Aber erst zu ein paar Begrifflichkeiten;

Was ist Liebe, was verstehen wir darunter? Schon hier gehen die Meinungen auseinander. Liebe ist für den Einzelnen eine Sache, von der wir glauben, dass wir wüssten, was es ist. Da aber Glauben und Wissen nichts mit Liebe zu tun haben, da sie aus dem Kopf kommen, wir sie auch nie in unserem Leben bewusst erfahren haben oder den ehrlichen Versuch von Liebe durch eine andere Person nicht zugelassen haben, ist sie uns nicht wirklich bekannt. Liebe ist im Herzen und kommt aus diesem.

Tatsächliche Liebe ist Akzeptanz und Toleranz gegenüber dem anders Denken und anders Sein. Wenn ich in der Lage bin, Anderes, als nur mein Gedankengut zuzulassen, anderes Handeln akzeptiere und fähig bin, einen anderen Menschen frei zu geben, keine Erwartungen zu meinen Gunsten an ihn zu haben und ihn auch nicht für sein Handeln und Denken kritisiere, dieses beurteile oder gar verurteile, kann man in gewisser Weise von Liebe sprechen.

Wer ist mein Nächster, wer bin ich selbst. Bin ich mir nicht zunächst selbst der Nächste und dann kommen all jene, die von meinem Fleisch und Blut sind?! Wie gehe ich mit mir um, wie mit meinem eigen Fleisch und Blut?

Als Adam und Eva – nachdem Adam Lilith vertrieben hatte, bzw. sie es vorzog, zu gehen – im Paradies lebten, befanden sie sich in einer Einheit mit Gott, sie waren sich ihres Selbst nicht bewusst. Sie lebten bis zu dem Moment des Essens vom Baum der Erkenntnis, in dessen Ergebnis sie ihre Nacktheit erkannten, in Frieden und Eintracht. Das Erkennen der Nacktheit ließ sie einen Unterschied erkennen, der dann bewusst verhüllt und in der weiteren Folge verdammt wurde. Reden wir von der Frau, so reden wir noch heute von der Erbsünde. Gott nahm die Vertreibung aus dem Paradies vor. Noch heute leben wir alle in dieser vermeintlichen Schuld, der Erbsünde. Zum Einen gilt die Frau in den meisten Religionen der Welt als schlecht und unrein und wird auch in der Gesellschaft/Wirtschaft als zweitklassig, auch in ihrer Rolle als Mutter, behandelt und herab gesetzt und das staatlich und politisch sanktioniert. Offiziell wird das natürlich anders dargestellt.

Hinzu kommt, dass wir mit der Sünde in Schuld leben – das wird uns vermittelt – und mit der Schuld natürlich Strafe verbunden ist. Von wo kommt die Strafe, von Gott!!! Nun stelle ich mir die Frage, wie ich einen „lieben Gott“ lieben soll, wenn er mir ständig Sünde vorwirft und gleichzeitig Strafe androht, wenn ich ihm nicht zu Gefallen bin. Abgesehen davon, dass Gottes Vertreter auf Erden viele Dinge mehr als sündig bezeichnen und mit Strafe bedrohen, als es Gott selber oder Gottes Sohn getan haben.

Ist die Frage: Leben wir in Liebe zu Gott, der uns kritisiert, schuldig spricht, Angst macht und seinen Zorn in uns leben lässt oder leben wir mehr in Furcht vor Bestrafung wegen vermeintlicher Sünden mit ihm? Es kann niemand lieb sein, bzw. lieben, wenn er das anders Denken, was vor dem anders Sein kommt, nicht akzeptiert. Also ist unsere Liebe zu Gott, gleich welcher Religion, mehr eine Furcht vor seinem Zorn und der damit verbunden Strafe, wenn wir ihm nicht gefallen?

Kommen wir nun zu dem “… Nächsten, wie Dich selbst“. Aber auch hier steht die Frage: Wie beginnen?

In dem wachsen des Fetus im Mutterleib entsteht ein neuer Erdenbürger, der aber eben über die Nabelschnur mit der Mutter verbunden, obwohl ein eigenes Wesen, mit der Mutter eins ist. Mutter und Kind sind eins. Der Mutterleib ist ein Teil des Paradieses, zu der Zeit das Paradies. Mit der Geburt erfährt dieses Paradies für das Kind dramatische und offensichtlich auch in nahezu 100 % der Fälle traumatische Veränderungen. So, wie die Mutter den Geburtsschmerz „vergisst“, vergessen wir auch alles Drama und Trauma der Geburt. Es hat sich aber in uns eingebrannt und wird irgendwann abgerufen. Aber noch immer ist das Kind – jedes Kind – in seinem Empfinden eins mit der Mutter, es ist sich seines Selbst nicht bewusst. Es ist wie bei Adam und Eva, sie waren sich ihres Selbst nicht bewusst.

Was braucht nun aber dieses kleine Wesen neben der Nahrung, bzw. mit der Nahrung am meisten? Liebe, Wärme und Zuneigung. Bereits hier beginnen Wahrnehmungen, die dem Kind signalisieren, ob es im Paradies verweilen darf oder bereits auch ohne die Selbsterkenntnis die Vertreibung aus dem Paradies begonnen hat.

Mit dem Heranwachsen des Kindes nimmt es seine Umwelt, vor allem das Verhalten der Mutter, aber auch des Vaters wahr. Das Kind selber ist einfach nur Liebe, es nimmt kritik- und urteilslos das Verhalten der Eltern hin. Die gegebene Liebe und Zuneigung wird aufgesogen. Allerdings führt das Verhalten der Eltern schon zu ersten „Selbsterkenntnissen“, die sich in gar nicht so viel späterem Verhalten manifestieren. Die Eltern ihrerseits haben natürlich auf Grund eigener kindlicher Erfahrungen und gesellschaftlicher Umstände Vorstellungen von der Art und dem Umfang, zu gewährender Liebe. Das Kind spürt aber körperlich sehr wohl, ob es geliebt, geduldet oder abgelehnt ist.

Mit dem Heranwachsen und all dem dudu, dada und daidai beginnen nicht nur die Eltern, sondern auch andere zum „Kreis der Lieben“ gehörende Personen, das Verhalten des Kindes in ihrem Sinne zu „lenken und zu leiten“ Bei Gefallen wird Liebe gegeben, bei nicht Gefallen, wird Liebe entzogen. So nimmt der Prozess der Erziehung seinen Lauf. Mit zunehmender Beweglichkeit des Kleinkindes – sitzen, krabbeln und laufen, aber auch dem sauber werden – nehmen bei aller Freude die Aktivitäten in der unbeschränkten Bewegung des Kindes die Einschränkungen schon zu, sowohl verbal, wie auch durch praktisches Handeln. Das Kind darf jetzt nicht mehr sein, wie es ist oder will, jetzt beginnt der Prozess der „Erziehung“. Die eigenständige Eroberung der Welt wird durch Warnhinweise (pass auf, Du fällst hin), Verbote (da darfst Du nicht hin), geringe körperliche Gewalt (das fasst Du nicht an) und anderes mit Kritik, Schuld und Angst eingeschränkt. Und wenn das alles nichts nutzt, wird bestraft, verbal: Du bist nicht lieb oder Mamma hat Dich jetzt nicht lieb; dem Klaps auf den Po oder die Finger und nicht zuletzt dem Liebesentzug, indem das Kind weggesperrt wird.

Mit der bewussten Entdeckung der Welt beginnt die Selbsterkenntnis, das Entdecken des eigenen Namens, des eigenen Bildes im Spiegel und damit die Ausprägung des EGO. Wir merken, dass wir anders sind, wir uns von anderen unterscheiden. Damit beginnt das Verdecken und Bedecken, nach Außen die Darstellung einer Person, die wir gar nicht sind. Das Ergebnis ist, dass damit auch die endgültige Vertreibung aus dem Paradies begonnen hat. Die Eltern als „lieber Gott“ hören auf zu existieren, sie werden zu dem „lieben, bösen Gott“. Und hier stellt sich dann wieder die Frage: “Wie kann ich jemanden wirklich lieben, der mit Strafe droht, der mich schuldig spricht, der mich kritisiert, weil ich anders bin, der mich seinen Zorn spüren lässt und mir Liebe entzieht. Das Kind erkennt sich als nun getrennt von der Mutter, dann auch dem Vater und erfährt nun ganz praktisch jeden Tag den Mangel in der Akzeptanz von anders Sein und anders Denken. Es wird wie im Großen bei den Religionen und der Politik zur Übernahme der Denk- und Verhaltensmuster angehalten und durch die Androhung von Strafe in die vermeintlich richtigen Bahnen gelenkt.

Der Prozess von Kritik, Schuld und Angst beginnt, wie beschrieben schon im Kleinstkindalter, in einer Zeit, in der der Betreffende gar nicht einschätzen kann, wie viel Wahrheit an dem ist, was ihm vorgeworfen oder vorgehalten wird. Da jedes Kind glaubt, dass sich die ganze Welt nur um seine Person dreht, hat es nur die Möglichkeit, dass alles auf sich zu beziehen und die Dinge anzunehmen. Es entstehen daraus Glaubenssätze, wie z. B. „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin nicht liebenswert“, „Ich bin nicht richtig“, „Das habe ich nicht verdient“ und andere Glaubenssätze, die aus Mangel entstehen und diesen ausdrücken.

Genau dieses „Ich bin nicht …!“ ist letztlich das, was uns unbewusst untersagt, sich selber zu lieben. Wir ziehen es vor, uns schuldig zu fühlen, uns zu kritisieren, Angst zu haben und zornig zu sein. Wir identifizieren uns mit dem uns vermitteltem Bild von uns und glauben an seine Realität. Wir verinnerlichen es so sehr, dass wir es so leben, als stünde es, für jeden lesbar, uns auf die Stirn geschrieben. Wir leben es in der Schule, auf der Arbeit, bei Freunden, in der Familie und in allen zwischenmenschlichen Beziehungen und Kontakten. Wir halten uns selber für minderwertig. Aus diesem Minderwertigkeitskomplex ist es nur logisch, in dem Bemühen, sich zu unterscheiden, uns besser, vollkommener, liebenswerter als den gegenüber darzustellen. Wer möchte sich in der Unterscheidung schon schlechter darstellen, wer will nicht Sieger sein. In diesem Prozess wird jeder Andere als Konkurrent betrachtet und muss in der Auseinandersetzung schlechter aussehen.

Wir haben nunmehr ein völlig falsches Bild nicht nur von uns, sondern auch von der Liebe. Wir glauben, dass zur Liebe Kritik, Schuld, Angst und Zorn gehören und dass uns ein Mensch dann wirklich liebt, wenn er sich – so, wie wir uns unseren Eltern – uns anpasst, sich für uns ändert, uns zum Gefallen ist, so denkt und handelt, wie wir. Liebe kommt aus dem Herzen und ist einfach da, wenn wir sie zulassen. Was wir glauben, was Liebe ist, kommt aus dem Kopf und wägt immer ab. Kritik und Schuld sind im Kopf, Angst entsteht im Kopf, wenn wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit in die Zukunft denken und Zorn und Groll hält alle bösen Erinnerungen in uns fest und tötet Liebe ab. Liebe ist immer genau in dem Moment, in dem wir jetzt sind, den wir leben und der Moment ist einfach immer vollkommen.

Machen wir uns also frei von der Kritik gegenüber uns selbst. Jede Entscheidung, die wir für uns treffen, ist immer die richtige, weil wir sie in dem Moment mit dem besten Wissen getroffen haben. Das wir morgen mehr wissen und anders entscheiden würden ist uninteressant, wir stehen zu uns. Nicht werten und bewerten, nicht urteilen und beurteilen, sondern einfach zulassen. Kritisieren wir uns selber nicht, können wir auch andere so sein lassen, wie sie sind.

Stehen wir zu unseren Entscheidungen selbstbewusst und erkennen unseren eigenen Anteil am Gelingen und oder geglaubten Misslingen, so brauchen wir kein Schuldgefühl. Alles im Leben ist ausschließlich dazu da, zu lernen und zu wachsen. Es greift Eins in das Andere, für alles, was uns wiederfährt, haben wir selber den Grundstein gelegt, es in unser Leben gezogen.

Erkennen wir, dass es keinen Menschen gibt, der uns tatsächlich böses will, sondern er ebenso seine Muster lebt, wie wir unsere, er seine Wahrheit hat, so wie wir unsere, können wir anderes Handeln zulassen. Geben wir, ohne zu erwarten, können wir auch nehmen, ohne enttäuscht zu sein. Ohne Enttäuschung und Verletzung und die Fähigkeit, zu verzeihen, können wir frei von Zorn und vor allem Groll durch das Leben gehen. Mit Dingen, die uns in der Vergangenheit missfallen haben, können wir ganz anders umgehen und sie annahmen, an ihnen wachsen.

Lernen wir es, im Hier und Jetzt zu leben, können wir uns von den Ängsten befreien. Fast alle Ängste sind eingebildete, virtuelle Ängste. Sie entstehen, weil wir mit unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit, vor allem der Kindheit, in der Gegenwart über die Zukunft nachdenken. Angst hat immer etwas mit den Gedanken in die Zukunft zu tun. Reale Angst ist nur bei Lebensbedrohung gegenwärtig und die erleben wir hier kaum. Werden wir uns des Augenblicks bewusst, denn uns fehlt im Augenblick nichts, nur wieder im Gedanken an die Zukunft.

Da wir selber niemals diese Akzeptanz und Toleranz erfahren haben, bzw. ein solches Verhalten gar nicht als Liebe erkennen können, ganz zu schweigen davon, es anzunehmen, können wir uns von anderen nur abgrenzen. Abgrenzung hat aber eben immer etwas mit Schutz und Verteidigung zu tun und nie mit Liebe.

So ist es nur verständlich, dass wir, da wir selber uns nicht lieben, weil wir uns für mangelhaft halten, andere auch nicht lieben können. Liebe setzt voraus, sich selber aus einem gesunden Selbst heraus für den Moment vollkommen zu halten und es dem Anderen ebenso zuzubilligen. Das die Vollkommenheit morgen eine andere ist als heute, ist nur normal.

In diesem Sinne erlebt der Mensch die Erbsünde auf seine Weise und damit verbunden die Vertreibung aus dem Paradies. Die biblische Geschichte von dem Baum der Erkenntnis ist tägliches Abbild in den familiären Beziehungen und wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Mit dem fortschreitenden Verlust an Liebe werden auch die zwischenmenschlichen Beziehungen immer mehr entfremdet und intoleranter. Die hohen Scheidungsraten, die zunehmenden Singelhaushalte, die vermeintlich lieblosen und gestörten Kinder, alles Folgen der nicht vorhanden Nächstenliebe, dem Mangel an Erkenntnis von Liebe überhaupt. Der Glaube an liebevolle Eltern ist fast ausnahmslos ein Irrglaube, wenn wir uns mit dem befassen, was Liebe tatsächlich ist.

Alle Krankheiten des Geistes haben ihre Ursache in einem Mangel an Liebe. Der Mangel an Liebe führt zu den Grundformen von Angst, die sich bis in die Krankhaftigkeit ausprägen können.

Das Fehlen im Wissen um die Liebe und der Mangel an Erfahrungen um tatsächliche Liebe führen zu einem geringen Selbstwertgefühl und Selbstachtung. Auswirkungen dessen erleben wir im Privaten ebenso, wie in der Arbeitswelt. Die Geringschätzung der Arbeit anderer und die völlige Überschätzung der eigenen Leistungen, vor allem im Management, führen zu unrealistischen, total überhöhten Managergehältern, Boniregelungen und den unrealistischen Aktienkursen mit kurzfristiger Gewinnsucht. Weil Bewerber eben ein Mangelgefühl haben, verkaufen sie sich für geringes Geld und geben damit ihrem Denken wieder einmal recht. Manager führen sich auf wie Könige, selbstherrlich, fast göttlich in ihrer Meinungsäußerung und Machtausübung und der Bewertung der Leistungen ihrer Mitarbeiter. Mitarbeiterführung geschieht fast ausschließlich autoritär und hat nichts mehr mit gegenseitiger Achtung und Wertschätzung zu tun. Aus eigener Geringschätzung legen sie keinen Wert mehr auf die Meinungen anderer. Weil wir glauben „ich bin nicht…“ haben wir Authentizität gegen das Rollenspiel eingetauscht und blenden uns und unsere Umwelt. Am Ende sind wir enttäuscht, wenn wir etwas anders bekommen, als wir erwartet haben.

Finden wir wieder Zugang zu unseren Gefühlen, haben wir eine Chance, wieder wir selbst zu werden. Sind wir wir selbst, können wir uns vertrauen und uns für das, was wir denken und tun lieben. Lieben wir uns selbst, können wir auch unseren Nächsten anerkennen und lieben. Wir ändern die Welt nicht im Großen, sondern nur in uns und haben nur darüber Einfluss auf das ganze.

Unsere Wirtschaft – was ist Ursache und was ist Wirkung?

23. Juni 2011

 

Seit dem 01. März 2011 wissen wir einmal mehr, dass die deutschen Arbeitnehmer ein „Bindungsproblem“ haben. Lesen wir die Zahlen und die Begründung unter http://blog.jobijoba.de/2011/03/01/gallup-studie-jeder-funfte-hat-innerlich-gekundigt , so ist die hier gegebene Antwort reichlich platt und oberflächlich, um nicht von Unkenntnis zu sprechen.

 

In dem Buch „Der Fürst“ von Nicolo Machiavelli, veröffentlicht 1532, allerdings bereits mehr als 10 Jahre zuvor fertig gestellt und als „Andienung“ für den Eintritt in die Dienst der de Medici geschrieben, können wir folgendes lesen: „ …, und es sollte doch jedem lieb sein, jemanden zu Diensten zu haben, der auf Kosten anderer seine Erfahrungen gesammelt hat.“ Dieses Zitat steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Beziehungen und Verbindungen zwischen den Menschen, so wie das gesamte fast 500 Jahre alte Buch viele Einblicke in unsere heutigen Strategien der Politik und des Management zulässt.

 

Bleiben wir bei dem Begriff „Bindungsproblem“, so müssen wir zunächst erst einmal nachfragen, was notwendig ist, um eine Bindung herzustellen. Ich denke, es braucht dafür zwei wesentliche Dinge, nämlich einerseits eine Beziehung und andererseits die Motivation. Fragen wir wie in der Evolution, was denn zuerst da war, das Ei oder die Henne, so ist die Frage hier bei Beziehung und Motivation sicherlich einfacher zu beantworten. Das erste, was wir als Menschen herstellen, ist eine Beziehung Eltern / Kind, bzw. Kind / Eltern. Je, nach Prägung der Eltern ist die Beziehung stärker oder schwächer. Erst später entsteht dann aus dieser Beziehung eine Bindung und nach und nach Motivation. Arme Teufel, z. B. die Kinder reicher Adliger, wie unser Prinz Charles oder die Kinder aus dem Haus Monaco oder Anhalt haben auf Grund eines Mangels an elterlicher Bindung im späteren Leben erhebliche Probleme eheliche Bindungen einzugehen oder zu halten. Nicht selten haben junge Mütter ein Problem, unmittelbar nach der Geburt zu dem Kind auch gleich eine Beziehung herzustellen. Ganz nach Fähigkeit der Eltern ist es uns als später erwachsenen Menschen je nach Selbst- und Fremdreflektion wiederum möglich, Beziehungen einzugehen. Beziehung ist die Voraussetzung für Bindung.

 

Anders verhält es sich mit dem Thema Motivation. In der Wissenschaft unterscheiden wir zwischen intrinsischer (innen) und extrinsischer (außen) Motivation. Diese Differenzierung ist allerdings keine wirkliche Wahrheit, da es Motivation von außen nicht gibt. Motivation kommt von innen, was von außen kommt, kann immer nur Manipulation sein. Über manipulative Versprechen (z. B. Werbung) wird versucht, eine Motivation anzusprechen und im Sinne eines vermeidlichen persönlichen Ziels/Gewinns auszunutzen. Wer keine innere Einstellung zu einer Sache hat, kann durch äußere Umstände auch immer nur für kurze Zeit „am Laufen“ gehalten werden, bevor der Reiz von außen erhöht werden muss, um weiter zu laufen. Eine Uhr, die man nicht aufzieht, bleibt stehen. Die Zeit, die uns eine Uhr anzeigt, ist auch nur eine Erfindung des Menschen und wird heute hauptsächlich zu manipulativen Zwecken benutzt – Folge: z. B. Burn out.

 

Wodurch entsteht denn aber nun im o. g. Beispiel eine Beziehung und in Folge dann auch eine Bindung, die sich auch noch auf die Motivation nieder schlagen?

 

Was macht es deutlicher, als ein praktisches Beispiel. Da die Hermetik in einem ihrer Gesetzt sagt „Wie oben so unten“, kann man auch übersetzten „Wie im Großen, so im Kleinen“, heißt, ein Beispiel aus dem Mikrokosmos, das auf den Makrokosmos übertragbar ist.

 

Bis zum März 2007 haben meine Frau und ich zusammen in dem Ort Schöneiche bei Berlin eine schöne Wohnung im Parterre mit einem Garten daran bewohnt. Diesen Garten hatten wir mit vielen schönen Pflanzen gestaltet, einen Teich angelegt und unmittelbar an das Wohnzimmer angrenzend eine Terrasse mit Holz gestaltet und einem Zugang zum Teich. Eine zweite Terrasse gab es dann noch auf der anderen Seite vom Teich. Die zu großen Teilen aus Dreck bestehende Erde habe ich mit vielen Fuhren Pferdemist angereichert und so ein üppiges Grün unterstützt. Es waren schöne Gartenmöbel vorhanden, Insektenspannrahmen vor einzelnen Fenstern, Gartengeräte und allerhand andere Dinge, die das Stück Grün verschönen und zur Gestaltung genutzt werden konnten.

 

Mit unserem Wegzug hatten wir keine Gelegenheit, die Pflanzen, Geräte und die anderen für den Garten nützlichen Dinge mitzunehmen. Weg schmeißen oder unbrauchbar machen wollten wir sie auch nicht. Der Teich war inzwischen eine Oase für Kleintiere, wie Frosche und Kröten, hatte Fische und Muscheln und in der Flachzone haben die Vögel an heißen Tagen ein erfrischendes Bad genommen. In der näheren Umgebung, aber vor allem bei dem über uns wohnenden älteren Ehepaar galt der Garten als bewundernswert (was bestimmt auch immer subjektiv ist).

 

Unsere Nachmieter waren ein junger Mann mit Frau und Kind, er als Einkäufer für eine große deutsche Baumarktkette tätig. Mit der Bemerkung, sich dass auch alles preiswert neu kaufen zu können, war er nicht zu einem angemessenen Abstand bereit. So haben wir uns auf ein Ei und ein Butterbrot verständigt. Ich hatte auch kein Verlangen, einen Container zu bestellen und in langer Kleinarbeit die geschaffene Schönheit zu zerstören. Was können die Pflanzen und Tiere für den Wechsel des Mieters?!

 

Vor 2 Jahren waren meine Frau und ich dann mal zu einem Spaziergang in unserem früheren Wohnort. Enttäuscht über das Aussehen des Gartens haben wir schnell das Weite gesucht. Nun waren wir vor drei Wochen wieder einmal zu einem Spaziergang in genau dieser Siedlung und das Bild des Grauens und Schreckens hat sich vergrößert. Die Stauden sind von Unkraut durchwachsen, die Holzterrassen zerfallen, der Teich ist verwildert und zugewuchert, zahlreiche Sträucher völlig verwachsen.

 

Da der Nachmieter die vielen Dinge wirklich geschenkt bekommen hat, kann er den Wert in keiner Weise ermessen. Es hat ihn nichts gekostet und damit lumpert er es einfach runter. Da es für ihn keinen Wert besitz, kann er dazu auch keine Beziehung aufbauen und ohne Beziehung gibt es keine Bindung. Die Dinge werden einfach nur benutzt und damit abgenutzt. Werterhaltung, bzw. – erneuerung erfolgt, wenn überhaupt, erst bei Unbrauchbarkeit.

 

So haben wir Variante 1 für die Entstehung einer Beziehung mit möglicher nachfolgender Bindung heraus gearbeitet; ich erwerbe etwas zu einem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis. Auf die Wirtschaft bezogen bedeutet das, dass es keine Lösung ist, sich von anderen ausgebildete Arbeitskräfte vom Markt in das Unternehmen zu holen, sondern durch eigene Investition Personal entwickeln, nur so trifft die Aussage „Was mir lieb und teuer ist“ solange wir „wildern“ gehen, gibt es immer auf beiden Seiten Enttäuschungen. Es ist die auf holländisch adlige Art, die man  „van den anderen“ nennt.

 

Über interne und externe Qualifikation erreichen wir, das Arbeitskräfte nicht nur benutzt und dafür bezahlt werden wollen, sondern auch fortlaufend in deren Bildung , „Wertherhaltung und – erhöhung“ investiert werden muss. Nicht allein Entlohnung, sondern Bildung führt hier zu Beziehung und Bindung.

 

Ein weiterer Fakt in der Beziehung und Bindung ist die Verbindung zwischen den Vertragsparteien.

 

Wer sich mit dem Thema Arbeitsproduktivität beschäftigt, dem sollte auch bekannt sein, dass diese Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen hängen einerseits mit rein psychischen und physischen, persönlich/ menschlichen Umständen zusammen. Hinzu kommen allerdings vom Arbeitgeber, Arbeitsmarkt und der Politik gemachte Umstände. Konkret bezogen ist das auf unsere heutige Praxis der Befristung von Arbeitsverträgen.

 

Unzufriedene Arbeitnehmer, wie in der Gallup-Studie  dargestellt, sind nicht im Entferntesten dazu bereit, sich für das Unternehmen zu 100 % zu  engagieren.  Die Produktivität sinkt zwangsläufig. Mitarbeiter, die tatsächlich gekündigt haben oder gekündigt wurden, leisten auch nur noch einen Bruchteil von dem, wozu sie eigentlich in der Lage sind. Auch hier sinkt die Produktivität rapide ab, noch unter das Niveau unzufriedener Mitarbeiter.  Abgesehen von der Wirkung auf andere Arbeitnehmer, die sich durchaus auch in ihrer Existenz am Arbeitsplatz „bedroht“ fühlen.

 

Wird ein Arbeitnehmer in ein Unternehmen eingestellt, selbst mit hohen Fach- und möglichst Branchenkenntnissen, so braucht auch er eine Anlaufzeit, in der er wiederum nur einen geringen Teil an Produktivität umsetzt. Hat diese Person einen unbefristeten Vertrag, findet sie über die Perspektive durchaus zu dem Punkt, an dem sich Engagement lohnt und die Produktivität steigt. Handelt es sich um einen befristeten Vertrag, wie bei Zeitarbeitsfirmen, Arbeitnehmerüberlassung oder gar geringfügiger Beschäftigung, wird die Produktivität, die über Motivation gesteuert wird, immer irgendwo herumdümpeln, aber nie auch nur annähernd 90 %, ganz zu schweigen von 100 %, erreichen.

 

Allein die Befristung eines Vertrages in einem Tätigkeitsfeld, mit dem man nicht binnen weniger Jahre „ausgesorgt“ haben kann (z. B. Profifußball, bestimmte Managementebenen, bei denen man nicht fallen, sondern immer nur steigen kann) zeigen dem Angestellten immer, dass die Arbeitgeberseite nur ein geringes Risiko tragen will, keine echte Beziehung, außer der, des monatlichen Lohnes, eingehen will. So ist der Arbeitnehmer im Umkehrschluss ebenso „gehemmt“ in seiner Freigiebigkeit, weil, was gibt es wertvolleres, als die Ware Arbeitskraft, die bis zum Rentenalter (67 Jahre) erhalten bleiben muss. Und im Gegensatz zu vielen Managern haben die normalen Arbeitnehmer auch noch ein Leben nach der täglichen Arbeit.

 

Auch hier eine Geschichte. Meine Frau arbeitet seit fast 6 Jahren bei einem großen Berliner Baustoffhandel. Sie ist Spezialist im Bereich Bauelemente, konkret allem, was mit Innentüren zusammen hängt. Sie wurde mit einem Jahresvertrag und der Aufforderung, den Verkauf im Bereich Trockenbau  zu unterstützen, eingestellt. Selbst nach beginnenden Umsatzzuwächsen gegenüber den vorherigen Kollegen hat der Firmeninhaber auf die Unterstützung im Trockenbau bestanden. Nun, so sollte es ein. Der Jahresvertrag wurde dann in einen unbefristeten Vertrag verändert, aber immer noch völligem Desinteresse an Bauelementen. In mehr als fünf Jahren hat sich der Umsatz durch eine Einzelkämpferin – es gibt weder eine Urlaubs-, noch eine Krankheitsvertretung – von einstmals EURO 100.000,00 auf über EURO 600.000,00 entwickelt, ohne, dass es mal mehr Geld gegeben hätte oder ein Danke schön. Der unmittelbare Chef mit einer plötzlich zu Ende gegangenen und nie verkrafteten DDR-Offiziersvergangenheit ist ein totaler Menschenfreund und „weiß“, wie man Mitarbeiter motiviert. Die Bitte nach Unterstützung wird nicht ernst genommen, obwohl meine Frau nunmehr regelmäßig wegen Krankheit ausfällt. Mehr Geld als Leistungsprämie wird ebenso abgelehnt, wie auch die Einstellung eines Mitarbeiters zur Unterstützung. „Du hast es bisher geschafft, also kannst du das auch in Zukunft“, so der Menschenfreund. Kunden gehen mit ihren Angeboten – von meiner Frau erstellt – im Fall von Krankheit oder Urlaub zum Einkaufen zum Wettbewerb. Da macht doch Arbeit Freude!!!

 

Eine witzige Geschichte noch dazu: Ein Mann hat einen Affen und geht mit ihm in eine Kneipe. Dort sagt er zu den anwesenden Gästen:“Wer meinen Affen zum Lachen bringt, bekommt EURO 200,00, wer ihn zum Weinen bringt, EURO 200,00 dazu. Wer ihn dazu bringt, dass er davon läuft, der bekommt noch einmal EURO 200,00 dazu!“ einige Gäste versuchen es, ohne Erfolg, plötzlich geht ein Mann zu dem Affen, sagt ihm was ins Ohr, der Affe lacht, sagt noch etwas zu ihm und der Affe fängt jämmerlich an zu weinen und dann sagt er ihm noch etwas ins Ohr und der Affe läuft davon. Alle Anwesenden sind völlig platt. Der Besitzer gibt dem Erzähler seine EURO 600,00 und bittet ihn zu sagen, was er dem Affen geflüstert hat. „Nun“, sagt der Mann, „ich habe ihm erzählt, wo ich arbeite, da hat er gelacht, dann habe ich erzählt, was ich verdiene, da fing er an zu weinen und als ich ihm gesagt habe, dass wir noch Leute suchen, da ist er davon gelaufen.“

 

Somit haben wir einen weiteren Fakt für die Entstehung von Beziehungen und nachfolgenden Bindungen, das Vertrags- und Bezahlungsverhältnis, in dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einander stehen. In einem Verhältnis, in dem der Arbeitgeber mit Vertragslaufzeiten und Entlohnung, aber auch verbaler Anerkennung geizt, sagt sich der Arbeitnehmer auch „Geiz ist geil“. Eine andere Schlussfolgerung kann sein: „Wer mit Bananen bezahlt, kann nur Affen kriegen!“

 

Betrachten wir einen dritten Fakt. Der Sinn des Lebens besteht in erster Linie darin, zu lernen. Wir bilden uns ein, dass auch immer zu tun, machen wir aber nicht. Wir bilden uns fort, immer in dem Sinne, wie unsere Wissensmuster sind. Lernen ist lernen für das Leben, das was wir machen, ist Bildung für den Beruf, ist Fachwissen. Aus Unkenntnis haben wir keine Erfolgsstrategie, sondern eine Lebensvermeidungsstrategie. Das Leben ist mehr, als der Beruf und das Berufsleben. In meinem Beruf bestehe ich nur, wenn ich im Leben bestehe und das kann ich nur, wenn ich für das Leben lerne und mich nicht nur für den Beruf bilde. Wäre uns bewusst, dass es unsere Aufgabe ist, zu lernen, würden wir keinerlei Manipulation unterliegen, wären wir in unserer ganz persönlichen Mitte, hätten wir kaum Angst, zumindest keine virtuellen Ängste.

 

Wir lernen mit unseren Sinnen, die da wären: Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen. Alle aufgenommenen Informationen – 0,0004 % bewusst und 99,9996 % unbewusst – werden in unserem Hirn gespeichert. Im Prozess des tatsächlichen Lernens verfügen wir durch den Gebrauch der Spiegelneuronen über ein phantastisches Instrument, das wiederum unbewusst sowohl positiv, wie auch negativ wirkt. Mit den Spiegelneuronen lernen und lehren wir ebenso bewusst, wie auch unbewusst und sie brauchen, bzw. haben  immer Vorbilder. Jede Information, die zu uns kommt, geht, bevor sie verarbeitet wird, durch unser limbisches System als Bestandteil des Hirns und wird dort einer Wertung unterzogen. Erst von dort gelangt sie zur weiteren Verarbeitung mit Schlussfolgerungen in die anderen Hirnareale. Ist der Chef, gleich auf welcher Ebene Vorbild und nicht einfach Führungskraft sondern Führungspersönlichkeit, so animiert er mich zum Handeln. Meine Spiegelneuronen sagen mir: „das ist gut, das ist richtig, hier wirst du gebraucht, geachtet, akzeptiert.“ Schlussfolgerung ist: „hier darf ich arbeiten, hier werde ich gebraucht!“

 

Hat er keine Vorbildwirkung, weil er z. B. nicht führt, nicht entscheidet, Mitarbeiter behandelt nach dem Motto „teile und herrsche“, so nehmen auch das die Mitarbeiter auf und stellen sich in ihrem Verhalten darauf ein, indem sie sich ebenso ablehnend verhalten.

 

Die genannten Beispiele sind keine persönliche Verärgerung oder Ablehnung und auch keine Einzelbeispiele, ich hätte sie auch auf andere Personen projizieren können, so als Coaching- oder Trainingserlebnis, aber warum …?

 

Der Mensch hat sich im Verlaufe der vergangenen Jahrtausende nicht wirklich weiter entwickelt, er ist stehen geblieben, wenn er sich nicht sogar zurück entwickelt hat. Was sich entwickelt hat, sind die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Technik, der Umgang mit diesen, aber der Mensch an sich tritt gesellschaftlich gewollt auf der Stelle. Er verliert immer mehr von seinem freien Denken und Handeln, er ist von den äußeren Einflüssen abhängig und auf sie fixiert. Und so leben wir natürlich auch altes, eigentlich überkommenes Wissen, und kultivieren es immer wieder neu, auch wenn es mittelalterlich ist und damit aus einer Zeit stammt, in der der Mensch nichts wert war. Ist er heute mehr wert???

 

Die Zeit, in der diese Erkenntnisse nieder geschrieben wurden, entsprich dem heutigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung z. B. in Afghanistan und einer Reihe anderer Staaten, durch deren extreme Auswüchse in der Religion unsere „kultivierte“ Welt „bedroht“ wird. Aber das ist ein anderes Thema für einen nächsten Beitrag.

 

Liebe oder doch Liebe

18. April 2011

Bei der Beantwortung der Frage: „Was ist eigentlich Liebe?“  sind die vielfältigsten Antworten möglich. Als junger Mann hatte meine Mutter mir einmal erzählt, dass sie von einem ihrer Liebhaber, der leider viel zu früh verstorben ist, etwas über wahre Liebe erfahren habe. Das hat sich mir damals nicht erschlossen. Leider, so muss ich heute feststellen, hat sie es selber nicht verstanden und kann es deshalb auch nicht leben, weder ihren Kindern noch ihrem heutigen Partner gegenüber.

Was ist nun aber Liebe? Zunächst können wir uns erst einmal bei den alten Griechen, die bei dem Thema Sokrates, aber in der Hauptsache Platon heißen, zu dem Thema belesen. Dabei werden wir feststellen, dass ihr Verständnis zu dem Thema ein sehr viel anderes ist, als das unsere von heute.

In meiner Tätigkeit als Coach und Trainer komme ich immer wieder zu diesem Thema, aber auch im Rahmen meiner Dozententätigkeit in der Fachschulausbildung von staatlich geprüften Erziehern. Resultat ist, dass wir sehr viel über das Thema reden, auch der Annahme sind, das wir in Liebe leben, aber nicht wirklich etwas darüber wissen.

Totales Erstaunen ruft hervor, wenn der Begriff „Liebe“ in seine Bestandteile – Eros, Philia und Agape – zerlegt wird. Zu Eros gibt es dann noch Vorstellungen, zu dem Rest nicht.

  • Eros – die Liebe zwischen Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann, die auch die geschlechtliche Liebe einschließt;
  • Philia – die Liebe von Eltern zu ihren Kindern, die Geschwisterliebe;
  • Agape – die interessenlose, mit Achtung behandelnde Liebe. Sie gilt als metaphysische, spirituelle und gemeinschaftliche Verbindung. Es ist bedingungslose Akzeptanz und Toleranz;

Bei der Erläuterung der Begriffe gibt es dann ungläubige Gesichter, erst recht bei dem, was da wie wirkt und sich mit der Zeit verändert. Immer wieder stellt sich für mich die Frage, warum wir so ein geringes Wissen zum Thema „Liebe“ haben und wir dann auch noch der Meinung sind, genug darüber zu wissen. Wir glauben auch noch, Liebe tatsächlich zu leben, abgesehen davon, dass das Wort „Liebe“ entweder betroffen macht oder bei tieferer Betrachtung sehr schnell in einen esoterischen Bereich gedrängt wird.

Wir können allerdings diese drei Bestandteile mit den drei Formen von Intelligenz in Verbindung bringen, wobei auch diese kein Allgemeinwissen darstellen. Mit dem Verständnis gelingt es uns, unser Missverständnis zu begreifen und Liebe in ihre ursprüngliche Form zurück zu führen und zu leben.

  • Eros – IQ (Intelligenz Quotient)
  • Philia – EQ (emotionale Intelligenz)
  • Agape – SQ (spirituelle Intelligenz – hat nichts mit Religion zu tun)

Mit den nächsten Zeilen werde ich sicherlich Widerspruch erzeugen, aber nur Widerspruch erzeugt Nachdenken.

Unser gesamtes gesellschaftliches System ist auf Konkurrenz aufgebaut. Diese durchdringt alle Bereiche unserer Gesellschaft bis in deren kleinste Zelle, die Familie bzw. was heute noch als Singlehaushalt davon übrig ist. Väter befinden sich in Konkurrenz zu den Müttern, Kinder in Konkurrenz zu den Geschwistern, Jungen zu den Vätern, die Kinder in der Schulklasse untereinander und die Arbeitswelt lebt es auf allen Ebenen und weltweit. Auf der Ebene der Familie führt sie heute dazu, dass 1/³ der Kinder in Singlehaushalten aufwachsen muss. Ursache der Konkurrenz ist wiederum das Patriarchalische in der Gesellschaft – von Männern und Männlichkeit dominiert. Es ist so dominant, dass es das Weibliche und Kindliche verdrängt, die Gleichberechtigung aufhebt. Dieser Dominanz fällt auch die Liebe zum Opfer. Die Dominanz ist so stark, dass sie männliche Allianzen schafft, die z.B. in schlechter Bezahlung von Frauen ihren Niederschlag findet oder Frauen zu kinderlosen Karrieristinnen macht. (Sowenig, wie wir über Liebe wissen, haben wir auch keine Ahnung von Gleichberechtigung, wir interpretieren sie als „die Frau dem Manne gleich“, es geht aber um Weiblichkeit)

Ursächlich für unsere aktiv gelebte „Lieblosigkeit“ ist auch das Zeitalter der Aufklärung (das Verständnis vom Menschen als biologische Maschine), in dem seit ca. 100 Jahren die Intelligenz mit dem messbaren IQ für das akademische Wissen in Form von Fakten und Zahlen die absolute Herrschaft  übernommen hat. Die gesamte Welt wird zunehmend in ihre Bestandteile zerlegt und einer Logik unterworfen. Es kann nur sein, was messbar ist, was wir sehen und anfassen können.

Wir wissen, das wir mit den Sinnen – Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken  – lernen, nur sind wir uns nicht bewusst, dass genau die Sinne in erster Linie über unsere Emotionen Gefühle auslösen, die dann wiederum auf die Lernbereitschaft wirken. Noch bevor der IQ messbar ist, sind unsere Emotionen durch Eltern und erzieherisches Umfeld so geprägt, dass sie über unsere Entwicklung entscheiden.

Unsere Gesellschaft unternimmt bis in ihre kleinste Zelle alles, um uns Gefühle und Emotionen abzugewöhnen, uns massenkompatibel zu machen, die Individualität zu nehmen. In diesem Prozess verlieren wir über die Verinnerlichung des logischen Denkens den Kontakt zu unseren Emotionen. Dieser Verlust führt nicht nur zu einem Missverständnis unserer Rolle im Bezug auf andere Personen, gerade auch de anderen Geschlechts, sondern auch im Bezug auf uns selber. Konkurrenz führt zu fortlaufendem Kampf, der nur mit Sieg oder Niederlage enden kann. Daraus entwickelt sich Angst, die unsere Gedanken und Handlungen lähmt und zu Inaktivität führt. Diese wiederum führt zu Kritik an uns und anderen Menschen, was uns letztlich zum Mangel an Liebe zu uns selbst führt (nicht Egoismus). Genau daraus entsteht eine ständige emotionale Verletztheit, die wir als normalen Zustand akzeptieren, der wir nicht entfliehen können, da wir gar nicht wissen, dass etwas Anderes möglich und machbar ist. Wir unterliegen dem Irrtum, dass Liebe das ist, was wir im Elternhaus erleben und dann auch weiter leben.

In unserer scheinbar logischen Welt versuchen wir auch die Liebe logisch zu leben, sie rational zu betrachten. Rationalität und Logik führt aber zu kalkulierenden Erwartungen und berechenbaren Ergebnissen. Das ist aber in der Liebe als Gefühl nicht möglich. Liebe ohne Emotionen gibt es nicht und kommen wir mit unseren Emotionen in Berührung, so reagieren wir entweder defensiv mit Rückzug oder offensiv im Sinne von Angriff und Verteidigung. Wir können weder mit unseren Emotionen noch den Gefühlen umgehen. Also sind wir lieber Single oder klammern uns an unsere Kinder als Partnerersatz – der nächste Gefühlsmissbrauch und eine Anleitung zum unglücklich Sein.

So brauchen wir wieder Kontakt zu uns selbst, um auch andere Menschen spüren zu können. Die Hirnforschung hat das schon lange bestätigt, es ist nur bei uns Menschen noch lange nicht angekommen, was in unserem Körper vor sich geht, wir sind von den Prozessen in uns abgeschnitten, wir haben unseren Geist von unserem Körper getrennt. Die Konsum- und Kommunikationsgesellschaft hält diese Trennung bewusst aufrecht.

Wächst ein Kind im Mutterleib heran, so haben die werdenden Eltern tatsächlich eine emotionale Bindung zu dem Fetus. Diese ist auch noch nach der Geburt eine Weile uneingeschränkt vorhanden. Es ist die Verbindung von Philia und EQ. Mit der Entwicklung des Kindes von ca. dem 2. – zum 6.  Lebensjahr geht aber diese emotionale Bindung zurück und wandelt sich vom 7. bis ca. 12. Lebensjahr in eine intellektuelle Bindung, gemessen am IQ. Das Kind bekommt nicht einfach die notwendige Zuneigung und Liebe, sondern muss sich diese durch Leistungen verdienen. Werden die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt, droht Liebesentzug oder wird gar praktiziert. Da Kinder auch nicht in der Lage sind, sein können, zu erkennen, dass die Unzulänglichkeiten im Verhalten der Eltern ihnen gegenüber nichts mit dem kindlichen Verhalten zu tun haben, geben sie sich selber automatisch die Schuld für elterliche Fehlleistungen.  Das wiederum geschieht rückwirkend auch noch im Erwachsenenalter, indem sich auch dann noch die Schuld an elterlicher körperlicher und physischer Gewalt gegeben wird „ … sie konnten ja gar nicht anders, da ich ein so anstrengendes und stressiges Kind war“.

Da die große Gesellschaft ebenso, wie die kleine der Familie eben nicht auf Gefühle setzt, haben wir nur wenig bis gar keine Chancen, nicht in den Bereich des IQ zurück zu fallen, wenn das auch nicht gleichbedeutend damit ist, einen hohen IQ haben zu müssen.

Solange wir es praktizieren, das uns umgebende objektive und subjektive Umfeld in Freund und Feind, in sympathisch und unsympathisch, in klug und unklug, in richtig und falsch, schön und hässlich und ähnliche gegensätzliche Begriffe zu fassen, zu bewerten und zu beurteilen und damit zwangsläufig zu verurteilen, werden wir weder Liebe geben können, noch geliebt werden.

Liebe im Sinne von Agape ist völlig wertfrei gegenüber allen Umständen und Erscheinungen. Sie bedeutet, die Dinge so hinzunehmen, wie sie sind. Betrachten wir unsere ständigen Versuche, gleichgültig was, zu verändern, zu manipulieren oder zu beeinflussen, so können wir feststellen, dass wir keinen Erfolg damit haben. Kurzfristiger Erfolg zerfällt oder kehrt sich in sein Gegenteil um. Wieder kehrende Enttäuschungen, die wir im Leben in unterschiedlichsten Bereichen erfahren, haben immer wieder etwas mit unseren Erwartungshaltungen, unseren Manipulationsversuchen, zu tun. Das betrifft auch das „enttäuschende“ Verhalten von Kindern und anderen Personen in unserem Umfeld.

Spirituelle Intelligenz bedeutet, die Antwort auf die persönliche und höhere Sinnfrage zu suchen, zu erkennen, ein Individuum zu sein und eben nicht massenkompatibel. Mit Disziplin geht es dann darum, an der persönlichen Veränderung zu arbeiten. Individuum bedeutet auch, sich in erster Linie als Mensch zu sehen und zu erkennen und nicht als biologische Maschine mit messbaren Kriterien. Alle Intelligenz im Sinne von IQ nutzt mir nur dann dauerhaft, wenn ich sie nicht zweck- oder personengebunden einsetze. Spirituelle Intelligenz fragt eben so wenig, wie Agape nach dem „wofür“ und „für wen“, sie gibt, ohne haben zu wollen. Agape und SQ bilden dabei eine Einheit und machen uns frei von Erwartungen und damit auch Enttäuschungen, von dem Willen, Umstände und Personen zu unserem ganz persönlichen Vorteil zu manipulieren. Sie machen uns auch frei von dem Glauben, angegriffen zu werden und verteidigen zu müssen. Erschließt sich uns Agape, haben wir sicherlich immer noch eine Wahrnehmung für Ereignisse, die uns emotional auch negativ erreichen, aber wir können mit diesen wesentlich wertfreier umgehen. Wir erkennen, dass die Handlungen von Personen nichts mit uns persönlich zu tun haben, die Personen austauschbar sind. Damit haben wir die Freiheit, eben nicht aus negativen Emotionen handeln zu wollen oder zu müssen.

Wir selber brauchen keine menschlichen Spielbälle und werden auch nicht mehr zum Spielball, wir steigen aus dem Spiel von Siegen und Verlieren, aus dem fortlaufenden Mangeldenken aus.

Gerade jene, die Liebe predigen, können sie nicht leben, da sie Andersartigkeit bei z. B. Sexualität, Religiosität, Verhalten nach Normen nicht tolerieren. Mit wenigen Ausnahmen bringt Religion nicht Liebe, sondern Zwietracht. Angst vor Gott und Schuld im Sinne von Versündigung haben nichts mit Liebe zu tun. Wie soll man jemanden lieben, der mit Strafe droht, egal ob einen Gott oder die Eltern – für Kinder sind Eltern die Götter.

Was wir also in unserer Alltagswelt als Liebe leben, was wir glauben, an Liebe zu geben und auch empfangen, hat kaum etwas mit dem zu tun, was es tatsächlich ist. Wenn wir behaupten, in Liebe zu leben, so verhält sich unsere Erfahrung zum tatsächlichen Inhalt wie die Behauptung, dass sich die Sonne um die Erde dreht.

Sieger oder Gewinner

6. Februar 2011

Siegen oder gewinnen, was für eine Frage, wo ist der Unterschied?! Nun, der Unterschied ist ein gewaltiger, in der Einstellung, im Ergebnis, den eigenen und den fremden Wahrnehmungen und natürlich auch den Schlussfolgerungen für das weitere Handeln.

Sicherlich kann man glauben, dass es sich hier um ein bloßes Wortspiel handelt, aber beide Worte haben einen tieferen Sinn. Umgangssprachlich sagen wir oft, dass wir, wenn wir jemanden besiegt haben, gewonnen haben. Das ist auch nicht prinzipiell falsch, aber immer ist es so, dass es dort, wo es Sieger gibt, auch Verlierer sind, aber gewinnen kann auch ein sogenannter Verlierer.

Der sportliche Wettstreit – immer seltener fair – ist heute in seiner Art der Austragung und den Austragungsstätten ein unverzichtbarer Teil der Staatspolitik im Sinne von„Brot und Spiele“ und in Abwandlung eines Ausspruchs von Klausewitz die „… die Fortsetzung des Krieg(es) mit anderen Mitteln!“ Der Wettstreit ist nicht fair, sondern die besten Voraussetzungen hat der, der hohe Investitionen bekommt und diese dann wieder refinanzieren kann. In diesem Kampf ist jedem jedes Mittel recht.  Es zählt nur der Sieg und die siegreichen Heimkehrer werden gefeiert, wie Kriegshelden, mit Empfängen, mit Orden und Ehrenzeichen und lukrativen Werbeverträgen.

Gehen wir davon aus, dass sich in einem z.B. sportlichen Wettkampf zwei Sportler oder Mannschaften gegenüber stehen, so gibt es in der Regel am Ende einen Sieger und einen Verlierer. Der Sieger wird gefeiert, als beispielhaft dargestellt und als Vorbild genutzt. Zumeist sind in der heutigen Zeit mit dem Sieg noch andere lukrative Geschäfte verbunden, die den Rum über die Maßen vergolden und verlängern.

Der Verlierer geht geschlagen vom Platz und wird meist keines Wortes gewürdigt, unabhängig von seiner Leistung. Auch Rum und Ehre wird ihm nur beschränkt oder gar nicht zu teil. Erst recht nicht, wenn er ein geschlagener früherer Sieger ist.

Betrachten wir den Umstand des Siegens, so gibt es dabei immer einen Sieger und einen Verlierer. Selbst dann, wenn es nicht nur um den Zweikampf geht, sondern es ein Mehrkampf im Sinne von vielen Teilnehmern ist, gibt es nur einen Sieger, alle anderen werden, auch wenn sie auf den Plätzen zwei und drei sind, schon als Verlierer gesehen und behandelt.

Betrachten wir den Umstand des Gewinnens, so haben wir selbst wenn wir nicht gesiegt haben, aber trotzdem die Möglichkeit zu gewinnen, nämlich Erfahrungen und Einsichten, dass es so nicht geht, das wir zwar alles gegeben haben, es aber nicht ausreichend für den Platz 1 war. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, uns über den Gewinn an positiven Erfahrungen für die neuerliche Herausforderung zu motivieren. Es ist also eine Einstellungssache, in allem, auch einer scheinbaren Niederlage einen Gewinn zu sehen. Ich entscheide mich für die Sicht der Dinge. Und letztlich kann ich noch immer sagen; „Ich habe an dem Ausscheid der Besten teil genommen!“

Jeder kennt die Situation, sich als Verlierer zu fühlen. Es hat zwangsläufig den Beigeschmack des Versagens, des nicht gut genug Seins, nicht anerkannt Werdens. Solche Gefühle sind in keiner Weise dazu geeignet, den vermeintlichen Verlierer zu motivieren, ihn dann aus dem Tief heraus zu holen.

Kann ich mich allerdings auch als der auf einen der Plätze oder noch weiter nach hinten verwiesenen mit der Einstellung, Gewinner zu sein, engagieren, so habe ich eine andere Gefühlswelt im Wettkampf und erst recht für einen neuen Wettstreit.

Die Einstellung, siegen zu wollen,  wirkt für jeden, der schon einmal verloren hat und damit auch mit den üblichen Werturteilen für den Verlierer konfrontiert wurde, kontraproduktiv. Will ich gewinnen, so kann ich gewinnen, indem ich den ersten Platz belege, ich gewinne aber auch, wenn ich diesen nicht belege. Ich gewinne also immer, es ist lediglich eine Frage der Sichtweise für den Gewinn.

Will ich siegen, so muss ich meinen Gegner besiegen. Umgekehrt bedeutet das, dass wenn ich nicht siege, mein Gegner der Sieger ist und ich bin der Verlierer. Denke ich nur in der Dualität von Siegen und Verlieren, so habe ich zwangsläufig Angst davor, zu verlieren. Genau diese Angst lähmt mich in meinem Kampf um den erstrebten Sieg. Die Angst nimmt mir die gedankliche Freiheit für den Wettkampf, da ich alle Konsequenzen für den Verlierer, der ja aber immer noch Gewinner sein kann, wenn er das will, fürchte. Da jeder nur den Sieger sehen, auch nur ihm den geglaubten Tribut zollen will, wird alles hinter dem Platz eins zum Verlierer. Wir kennen Fußballmannschaften, die sich in ihrer Liga recht weit nach vorne spielen und durchaus das Zeug haben, Tabellenführer oder gar Meister zu werden. Mit dem nach vorne Rücken wird ein Druck zum Sieg aufgebaut, der dann Angst macht, zu verlieren und so wird dann wieder verloren. Sieger machen immer nur das, was sie immer gemacht haben, um zu siegen, sie haben ihre Siegesmuster. Sie probieren kaum neues aus, weil sie den Ausgang nicht beurteilen können; „Wir haben das immer so gemacht!“. Gewinner probieren und versuchen, experimentieren, weil jeder Versuch ein Gewinn ist, eine Erkenntnis im Sinne von „Ja“ oder „Nein“. Leider sehen wir auch, dass Menschen mit der Mentalität des Gewinners zu den Siegern gedrängt werden oder verdrängt werden.

Das persönliche, beim Sport nach außen getragene Wertesystem kommt natürlich im Alltagsleben unmittelbar zum Jubilierenden zurück. Fast täglich werden wir mit Situationen konfrontiert, in denen es anscheinend um den Sieg geht und so spielen wir immer auf Sieg, koste es, was es wolle. Und jeder kennt die Mittel, die dafür genutzt werden. Es sind Druck, Drohung, Verdrehung der Wertmaßstäbe, Lüge, Verleumdung und immer wieder in den Schlagzeilen; das Doping.

Wollen wir eine Veränderung im Denken, hin zum Gewinnen erreichen, müssen wir die Wertmaßstäbe und Werturteile verändern. Nicht nur der auf Platz eins hat alles gegeben, sondern auch jeder, der dazu beigetragen hat, dass der erstplacierte in einem Wettstreit auch dorthin gekommen ist. Er hat sich mit den Besten gemessen und gewonnen, im doppelten Sinne, den Platz eins und die Erfahrung, wie man es macht. Auch alle anderen Teilnehmer müssen die gleiche Wertschätzung erfahren, da auch sie alles gegeben haben, eben entsprechend ihren Möglichkeiten. Achten wir die Leistungen anderer nicht – manchmal geschieht es rein verbal, weil es ja gut aussieht und die eigene Leistung noch mehr erstrahlen lässt – kann ein Preis auch verlost werden. Der Gegner verkommt im Nachhinein doch nur zur Staffage.

Wohin wir mit den gegenwärtigen Wertmaßstäben und –urteilen kommen, sehen wir an der Praxis des Dopings in wohl allen Sportarten und allen Sportnationen. Selbst die deutschen Saubermänner und –frauen fallen hier auf. Wie groß muss der Druck sein, bei einer fast 100 %-igen Aufdeckung der Einnahme verbotener Substanzen, sich der Gefahr der Aberkennung des Titels und einer Startsperre von mehreren Jahren auszusetzen. Hier wird die gesellschaftliche Unmoral im Umgang mit Leistungen persönlich inhaliert und umgesetzt, kurzfristiger und unehrlich erworbener Erfolg ausgekostet. Es ist das Denken aus der Wirtschaft und der Politik; Nach mir die Sintflut, gepaart mit der Unehrlichkeit  im Eingestehen des Vergehens. „Da muss mir doch jemand was ins Essen oder die Zahncreme gegeben haben!“ oder …“ich wollt doch nur meinem Pferd helfen …“  Sich dann auch noch als Opfer fühlen, weil es viele machen und man selber aufgeflogen ist.

 

 

 


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